Dr. Raphael Nagel (LL.M.), Autorität zum Thema Organisationstheorie, Führung, Transformation
Dr. Raphael Nagel (LL.M.), Founding Partner, Tactical Management
Aus dem Werk · KOMPLEXITAET

Unternehmen sind keine Maschinen: Warum richtige Entscheidungen im Vollzug scheitern

# Unternehmen sind keine Maschinen: Warum richtige Entscheidungen im Vollzug scheitern

Es gibt einen Satz, der in Vorstandssitzungen mit einer gewissen Regelmäßigkeit fällt und dessen unausgesprochene Voraussetzung selten geprüft wird. Der Satz lautet: Die Entscheidung sei getroffen, die Umsetzung sei nun Sache der Organisation. In diesem Halbsatz steckt eine komplette Theorie, und diese Theorie ist in ihren Grundannahmen falsch. Sie unterstellt, dass ein Unternehmen ein Apparat sei, in den man oben Beschlüsse einfüllt und aus dem unten Ergebnisse austreten. Die betriebliche Erfahrung widerspricht dieser Vorstellung mit einer Regelmäßigkeit, die sich nicht mehr als Ausnahme interpretieren lässt. Der folgende Essay, der sich auf ein zentrales Kapitel aus dem Band Komplexität. Warum einfache Antworten falsch sind von Dr. Raphael Nagel (LL.M.) stützt, untersucht, warum die Maschinenmetapher trotz ihres sichtbaren Scheiterns weiter wirkt und was an ihre Stelle zu setzen wäre, wenn man es mit Organisationen ernst meint.

Die Maschinenmetapher und ihr langer Schatten

Die Vorstellung, eine Organisation sei eine Maschine, stammt nicht aus der Organisationstheorie, sondern aus der Ingenieurskunst. Sie wurde im Verlauf der industriellen Revolution auf Unternehmen übertragen und hat sich dort in einer eigenen Begriffswelt eingerichtet: Prozessoptimierung, Durchlaufzeiten, Schnittstellen, Effizienzkennzahlen. Diese Begriffe sind nicht unbrauchbar. Sie erfassen reale Aspekte des betrieblichen Vollzugs und leisten in ruhigen Phasen verlässliche Dienste. Ihre Schwäche liegt nicht in dem, was sie zeigen, sondern in dem, was sie unsichtbar machen.

Eine Maschine besteht aus Teilen, deren Funktion durch Konstruktion festgelegt ist. Ein Unternehmen besteht aus Menschen, deren Funktion durch Interpretation entsteht. Zwei Mitarbeiter auf derselben Stelle tun nicht dasselbe, sondern das, was sie im Licht ihrer Erfahrung, ihrer Kultur und ihrer informellen Bindungen für angemessen halten. Karl Weick hat diese Einsicht in die Formel gefasst, dass Organisationen nicht das seien, was sie tun, sondern das, was an ihnen hängenbleibe. In dieser Formel steckt die Absage an jede reine Konstruktionslogik. Eine Organisation ist kein gebautes, sondern ein werdendes Gebilde. Sie existiert, weil sie fortlaufend hergestellt wird, und sie wird fortlaufend anders hergestellt, als die Planung sie vorsieht.

Der Riss zwischen Entscheidung und Vollzug

Aus dieser Beobachtung folgt ein Sachverhalt, der im Tagesgeschäft regelmäßig unterschätzt wird. Eine richtige Entscheidung ist in einem Unternehmen keine hinreichende Bedingung für einen richtigen Vollzug. Zwischen Beschluss und Umsetzung liegt ein Raum, in dem Interpretationen, Prioritäten, stille Vorbehalte und implizite Bündnisse das Ergebnis verändern. Wer in einem Unternehmen längere Zeit gearbeitet hat, weiß, dass eine Weisung, die am Morgen verbindlich erteilt wird, am Nachmittag in mehreren Varianten kursiert. Das ist keine Sabotage. Es ist die Normalform organisationalen Verhaltens.

Dieser Riss zwischen Entscheidung und Vollzug ist nicht durch bessere Anweisungen zu schließen. Er ist durch den Charakter der Organisation selbst gegeben. Eine Organisation ist eine Menge von Menschen, die in einer bestimmten Anordnung zueinander stehen, und jede Anordnung erzeugt eigene Reaktionen auf jede neue Vorgabe. Die Vorgabe trifft nicht auf ein leeres Feld, sondern auf ein Geflecht bestehender Loyalitäten, erlernter Routinen und angrenzender Erwartungen. In diesem Geflecht wird sie transformiert, bevor sie wirken kann. Wer diese Transformation nicht antizipiert, operiert mit einem Modell, das die eigentliche Arbeit unterschlägt und sich selbst die Beobachtung erschwert, an welcher Stelle sein Beschluss tatsächlich verlorengeht.

Das Lehrstück der Portfoliobereinigung

Nichts macht diese Dynamik anschaulicher als eine Portfoliobereinigung. Ein Vorstand beschließt, eine Geschäftseinheit abzustoßen oder zu schließen. Aus ökonomischer Sicht ist die Entscheidung unausweichlich, die Zahlen sind eindeutig, das Marktumfeld spricht für sich. Aus Sicht der betroffenen Einheit handelt es sich um einen Angriff auf ihre Existenz. Aus Sicht des Vertriebs, der mit dieser Einheit über Jahre gewachsene Kundenbeziehungen pflegt, bedeutet die Entscheidung den Verlust etablierter Strukturen. Aus Sicht der zentralen Verwaltung, die beide Einheiten bedient, entsteht Aufwand ohne sichtbaren Nutzen. Jede dieser Sichten ist innerhalb ihres Horizonts rational.

Das Resultat ist berechenbar. Die Umsetzung der Entscheidung wird verzögert, verwässert oder durch Nebenabreden ersetzt. Die Vorstandsvorlage war analytisch korrekt, die Wirkung bleibt teilweise aus. Wer diese Erfahrung gemacht hat, neigt dazu, sie als Fehler einzelner Personen zu deuten. Das ist eine Verkürzung. Was sich zeigt, ist die Grundeigenschaft sozialer Systeme: Sie absorbieren Eingriffe, sie verarbeiten sie, sie geben sie verändert zurück. Wer eine Portfoliobereinigung nur als technische Operation plant, hat die eigentliche Arbeit nicht einmal begonnen. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) beschreibt in seinen Passagen zur Restrukturierung, dass die analytische Diagnose in solchen Prozessen Wochen beansprucht, während die Umsetzung Jahre dauert, und dass in diesen Jahren nicht die Diagnose, sondern das Beharrungsvermögen der Organisation das eigentliche Thema ist.

Kultur als emergentes Phänomen

Ein verwandtes Missverständnis betrifft den Begriff der Unternehmenskultur. In der Maschinenmetapher erscheint Kultur als etwas, das sich durch Leitbilder, Schulungen und interne Kampagnen einstellen lässt. In der Realität ist Kultur ein emergentes Phänomen. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Anreizen, Beförderungslogiken, Sanktionsmustern und jenen kleinen Entscheidungen, die im Alltag tatsächlich getroffen werden. Kultur ist das, was die Organisation in ihrer Mehrheit wirklich tut, im Unterschied zu dem, was sie laut eigener Kommunikation tun sollte. Die Differenz zwischen beiden ist in den meisten Unternehmen erheblich und meist unterschätzt.

Daraus folgt, dass Kultur nicht durch Kulturprogramme veränderbar ist. Sie ist durch Veränderungen der Strukturen veränderbar, die sie hervorbringen. Wer bestimmt, wer befördert wird, bestimmt Kultur. Wer bestimmt, welche Verhaltensweisen toleriert und welche sanktioniert werden, bestimmt Kultur. Die Wahl der Worte in einem Leitbild ist demgegenüber nachrangig. Das erklärt, warum so viele Kulturinitiativen ohne sichtbare Wirkung bleiben. Sie adressieren nicht die Ursachen, sondern die Oberflächen. Eine ernsthafte Arbeit an Kultur ist unbequem, weil sie die bestehenden Machtverhältnisse einer Organisation berühren muss. Sie findet selten statt, obwohl über sie viel geredet wird, und sie wird oft erst dann ernst genommen, wenn der Leidensdruck die üblichen Umgehungen teuer gemacht hat.

Führung als politische Arbeit im klassischen Sinn

Aus allen drei Beobachtungen, dem Riss zwischen Entscheidung und Vollzug, der Dynamik von Portfoliobereinigungen und der emergenten Natur der Kultur, folgt eine Einsicht, die in Handbüchern selten so klar formuliert wird. Führung ist keine Ingenieurskunst. Sie ist politische Arbeit im klassischen Sinne des Wortes. Politik bedeutet hier nicht Parteipolitik, sondern die Kunst, unter gegebenen Bedingungen das Erreichbare zu erreichen, mit Menschen, die ihre eigenen Interessen, Ängste und Loyalitäten haben und die sich einer reinen Sachlogik niemals vollständig unterordnen.

Diese politische Qualität der Führung wird in vielen Unternehmen unterschätzt, weil sie sich schlecht quantifizieren lässt. Sie zeigt sich nicht in Kennzahlen, sondern in der Fähigkeit, Widerstände zu antizipieren, Allianzen zu pflegen, Zeitpunkte zu wählen und Symbole bewusst einzusetzen. Gute Führung erkennt, dass Widerstand nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall ist, und dass er meist nicht aus Böswilligkeit, sondern aus berechtigten Teilinteressen entsteht. Sie behandelt diese Teilinteressen nicht als Hindernis, sondern als Information. Wer sie verstanden hat, kann Entscheidungen so aufsetzen, dass sie nicht gegen, sondern mit der Organisation wirken. Genau an dieser Stelle trennt sich Management von Führung: Das eine organisiert einen Ist-Zustand, das andere bewegt ein System aus einem Zustand in einen anderen, und diese Bewegung lässt sich nicht konstruieren, sie muss moderiert werden.

Die Maschinenmetapher wird überleben, weil sie kommunikativ effizient ist und weil sie eine Illusion von Beherrschbarkeit erzeugt, ohne die viele Entscheider ihre Rolle nicht ausfüllen könnten. Wer verstanden hat, dass sie eine Illusion ist, wird sie dennoch nicht vollständig verabschieden. Er wird sie als Arbeitsmodell nutzen, dort, wo sie trägt, und sie bewusst verlassen, dort, wo sie in die Irre führt. Diese doppelte Bewegung ist die eigentliche Reife in der Arbeit mit Organisationen. Sie verlangt den Mut, die Welt nicht einfacher zu machen, als sie ist, und sie verlangt die Geduld, mit ihrer tatsächlichen Gestalt zu arbeiten. In den Überlegungen von Dr. Raphael Nagel (LL.M.) wird diese Haltung nicht als Methode, sondern als Disziplin beschrieben. Sie gilt für Vorstände, Aufsichtsräte und Beiräte gleichermaßen. Wer sie einübt, wird weniger über gelungene Entscheidungen reden und mehr über gelungene Umsetzungen, und er wird dabei entdecken, dass diese beiden Kategorien in der Praxis nicht voneinander zu trennen sind. Die Unterscheidung zwischen Plan und Wirkung, zwischen Beschluss und Vollzug, zwischen Absicht und Resultat ist keine akademische Feinheit. Sie ist das zentrale Thema der Führung in nichtlinearen Zeiten, und sie ist der Grund, warum die Frage nach der richtigen Entscheidung erst dann produktiv wird, wenn sie von der Frage nach der tragfähigen Umsetzung eingeholt ist.

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Author: Dr. Raphael Nagel (LL.M.). Biografie