Warum Technologiepolitik Machtpolitik ist: Chips, Exportkontrollen und Souveränität

# Technologiepolitik als Machtpolitik: Chips, Exportkontrollen und die Frage europäischer Souveränität Am 7. Oktober 2022 hat das amerikanische Bureau of Industry and Security eine Verordnung erlassen, deren Tragweite erst im Rückblick ganz erkennbar wird. Exportkontrollen für fortgeschrittene Halbleiter, Verbote für Fertigungswerkzeuge, und zum ersten Mal in der neueren Geschichte eine direkte Beschränkung des Talentflusses durch das Verbot für amerikanische Staatsbürger, für bestimmte chinesische Halbleiterunternehmen zu arbeiten. Was als technische Regulierung erscheint, ist in Wahrheit eine grundlegende Verschiebung im Verständnis dessen, was Machtpolitik im einundzwanzigsten Jahrhundert bedeutet. Der vorliegende Essay, der die im Buch ALGORITHMUS entwickelten Gedanken weiterführt, widmet sich der Frage, warum Technologiepolitik heute Machtpolitik ist und welche Konsequenzen sich daraus für europäische Entscheider ergeben. ## Die Oktober-Verordnung als Zäsur Die Maßnahmen, die das Weiße Haus im Herbst 2022 veröffentlichte, sind in ihrer strategischen Reichweite als die weitreichendste technologiepolitische Entscheidung seit dem Ende des Kalten Krieges eingeordnet worden. Das Verbot umfasste nicht nur den Export von KI-Chips mit bestimmten Leistungsparametern nach China, sondern auch die Lieferung amerikanischer Fertigungswerkzeuge an ausgewählte chinesische Halbleiterunternehmen. Neu und strukturell besonders bemerkenswert war die Beschränkung des Talentflusses: Amerikanische Staatsbürger und Inhaber einer Green Card dürfen seither für bestimmte chinesische Halbleiterunternehmen nicht mehr tätig sein. Zum ersten Mal in der neueren amerikanischen Geschichte wurde menschliches Wissen selbst zum Gegenstand der Exportkontrolle. Die Kalkulation dahinter war in internen Dokumenten des Nationalen Sicherheitsrats explizit formuliert. Das Ziel bestand nicht darin, China den Zugang zu künstlicher Intelligenz grundsätzlich zu verwehren, sondern darin, die Rate der Fähigkeitsentwicklung strukturell zu verlangsamen und den amerikanischen Entwicklungsvorsprung um mindestens eine Chip-Generation zu verlängern. Diese Verschiebung von der Frage des Ob zur Frage der Geschwindigkeit markiert einen neuen Modus strategischen Denkens. Zeit selbst wird zur Ressource, die kontrolliert werden kann, wenn man die physischen Engpässe der Produktion kontrolliert. ## Die Trias aus TSMC, ASML und NVIDIA Die physische Grundlage dieser neuen Machtordnung lässt sich auf drei Unternehmen reduzieren, die in ihrer geographischen Konzentration beispiellos sind. TSMC in Taiwan fertigt rund neunzig Prozent aller fortgeschrittenen Logikchips der Welt und damit auch nahezu alle Chips, die für das Training großer KI-Modelle auf dem aktuellen Stand der Technik verwendet werden. ASML in den Niederlanden produziert die EUV-Lithographiemaschinen, ohne die diese Chips physisch nicht herstellbar sind. NVIDIA in Kalifornien entwirft jene Grafikprozessoren, deren Rechenarchitektur zur Voraussetzung moderner Foundation Models geworden ist. Diese Konzentration ist nicht das Ergebnis eines Zufalls, sondern jahrzehntelanger Spezialisierung, industrieller Pfadabhängigkeit und kapitalintensiver Forschung. Eine EUV-Maschine besteht aus mehr als einhunderttausend Einzelteilen, die von über achthundert Zulieferern stammen, und ASML produziert jährlich nur etwa fünfzig bis sechzig Stück. Ein H100-Chip von NVIDIA kostete im Jahr 2023 zwischen fünfundzwanzigtausend und vierzigtausend Dollar und war trotz dieses Preises monatelang ausverkauft. Wer die Chips kontrolliert, kontrolliert die Infrastruktur der künstlichen Intelligenz. Und wer die Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert die Bedingungen, unter denen alle anderen arbeiten. Die geopolitische Exponierung dieser Trias ist dabei das eigentlich Beunruhigende. TSMC sitzt auf einer Insel, über die ein anderer Staat Souveränitätsansprüche erhebt. ASML operiert in einem NATO-Land, das dem amerikanischen Exportkontrolldruck ausgesetzt ist und bereits seit 2019 keine EUV-Maschinen mehr nach China liefern darf. NVIDIA unterliegt vollständig dem amerikanischen Exportregime. Die gesamte Spitzenkapazität der KI-Hardwareproduktion konzentriert sich auf eine geographisch schmale, politisch fragile Zone. ## Chinas Antwort und die Grenzen der Nachahmung China hat auf diese Erkenntnis mit einer Investitionskampagne reagiert, deren Dimension mit den großen strategischen Programmen des zwanzigsten Jahrhunderts verglichen werden kann. Offiziell flossen mehr als einhundertfünfzig Milliarden Dollar in staatliche Investitionen in die Halbleiterwirtschaft, wobei Branchenanalysten das tatsächliche Gesamtvolumen unter Berücksichtigung kommunaler Fonds und dirigierter privater Investitionen deutlich höher schätzen. Das Ergebnis ist nicht ohne Substanz. SMIC, Chinas führendes Halbleiterunternehmen, hat begonnen, Chips mit Sieben-Nanometer-Strukturbreite zu produzieren, und zwar ohne EUV-Technologie, durch eine Umgehungstechnik mit mehrfacher Belichtung. Gleichwohl bleibt SMIC bei der modernsten Technologie weiterhin zwei bis drei Generationen hinter TSMC zurück, was mehreren Jahren Entwicklungsrückstand entspricht. Die Lehre dieses Befundes ist wichtig und zugleich unbequem. Technologische Souveränität lässt sich durch Kapital beschleunigen, aber nicht erzwingen. Es gibt Bereiche industrieller Komplexität, in denen die Wissensakkumulation über Jahrzehnte hinweg erfolgt ist und durch keinen noch so großen nationalen Kraftakt in wenigen Jahren eingeholt werden kann. Diese Erkenntnis sollte auch europäische Entscheider zu Demut mahnen. ## Der europäische Chips-Act und seine strukturelle Schwäche Der European Chips Act von 2023 sieht bis 2030 Investitionen von dreiundvierzig Milliarden Euro vor, davon etwa siebzehn Milliarden Euro aus öffentlichen Mitteln, um den europäischen Anteil an der Welthalbleiterproduktion von zehn auf zwanzig Prozent zu steigern. Diese Ambition klingt zunächst entschlossen. Im Vergleich mit dem amerikanischen CHIPS and Science Act verliert sie jedoch schnell an Konturen. Die Vereinigten Staaten stellen allein an direkten Subventionen zweiundfünfzig Komma sieben Milliarden Dollar bereit, ergänzt durch steuerliche Anreize in ähnlicher Höhe. Die neue TSMC-Fabrik in Arizona erhält allein sechs Komma sechs Milliarden Dollar an direkten Bundessubventionen. Das Verhältnis zwischen europäischer Zielsetzung und europäischen Mitteln ist, so muss man es nüchtern formulieren, unzureichend. Der kontinentale Beitrag bleibt ambitionierter Rahmen ohne die finanzielle Substanz, die vergleichbare Staaten zur gleichen Zeit in die Waagschale werfen. Hinzu kommt, dass Europa nicht nur weniger investiert, sondern seine Investitionen auf eine Vielzahl nationaler Programme und Standortinteressen verteilt, während die amerikanische und asiatische Industriepolitik strategische Cluster bildet. Technologiepolitik, die nicht an Clustern ausgerichtet ist, erreicht nicht jene kritische Masse, die für Spitzentechnologie erforderlich ist. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) hat diese Asymmetrie in seinem Buch wiederholt als eine Form regulatorischer Stärke bei gleichzeitiger infrastruktureller Schwäche beschrieben. Europa schreibt die Regeln für Technologien, die es nicht selbst herstellt. Darin liegt eine paradoxe Position, die kurzfristig Einfluss verleiht, langfristig aber die Voraussetzungen des eigenen Einflusses untergräbt. Wer keine eigene Produktion besitzt, kann auch keine Standards setzen, die über das eigene Territorium hinaus dauerhaft verbindlich wirken. ## Die Lieferkettenrisikoanalyse als Vorstandsaufgabe Die Halbleiterkrise der Jahre 2020 bis 2023 hat in der Automobilindustrie eine Lektion erteilt, die noch nicht überall verstanden worden ist. Laut AlixPartners kostete die Chipknappheit die globale Automobilindustrie allein im Jahr 2021 mehr als zweihundertzehn Milliarden Dollar an entgangenem Umsatz. Volkswagen konnte rund sechshunderttausend Fahrzeuge nicht produzieren. Toyota verlor hunderttausend Einheiten, und andere Hersteller meldeten ähnliche Ausfälle. Diese Unternehmen hatten jahrzehntelang nach dem Just-in-Time-Prinzip gewirtschaftet und keine strategischen Chipvorräte aufgebaut, weil Chips in ihrer Wahrnehmung eine generische Zuliefererkomponente waren. Sie waren es nicht. Aus dieser Erfahrung ergibt sich eine Anforderung, die auf Ebene des Vorstands zu verankern ist. Jede systematische Analyse der geopolitischen Exposure der Technologielieferkette sollte mehrere Dimensionen umfassen. Welche technologischen Inputs, von Chips über Cloud-Dienste bis zu KI-Trainingsinfrastruktur, bezieht das Unternehmen aus Regionen mit geopolitischem Risikopotenzial? Welche Alternativanbieter existieren? Was wären die Wechselkosten? Welche Partnerschaften oder Bestandsaufbauten könnten das Risiko reduzieren? Diese Fragen gehören nicht in die Technikabteilung, sondern auf die Tagesordnung des Aufsichtsrats. Der eigentliche Denkfehler in der Halbleiterkrise war nicht logistischer, sondern kategorialer Natur. Halbleiter erschienen als Standard-Commodity, nicht als strategisch kritische Ressource. Im KI-Zeitalter droht dasselbe Versagen bei Cloud-Diensten, Foundation-Model-Schnittstellen und KI-Trainingsinfrastruktur. Diese Inputs sind heute in der Wahrnehmung vieler Unternehmen keine strategisch kritischen Ressourcen. Sie werden es werden, und wer bis zu diesem Moment wartet, wird nicht mehr die Zeit haben, strukturelle Alternativen aufzubauen. ## Souveränität als Voraussetzung demokratischer Selbstbestimmung Der Begriff der technologischen Souveränität ist in der europäischen Debatte der letzten Jahre beinahe abgenutzt worden, und doch bezeichnet er einen Sachverhalt, der nicht durch andere Begriffe ersetzt werden kann. Souveränität bedeutet in der klassischen Tradition die Fähigkeit, im eigenen Gebiet letzte Entscheidungen zu treffen. Im KI-Zeitalter verschiebt sich diese Fähigkeit von der territorialen Kontrolle zur Kontrolle der Infrastrukturen, die territoriale Entscheidungen technisch ermöglichen. Wer die Chips, die Rechenzentren, die Modelle und die Talente nicht kontrolliert, kann nur noch über die Dinge entscheiden, die diese Infrastrukturen ihm zu entscheiden erlauben. Diese Verschiebung ist keine abstrakte Reflexion. Sie hat unmittelbare Konsequenzen für die demokratische Legitimität politischer Entscheidungen. Ein europäisches Parlament, das über den Einsatz künstlicher Intelligenz in kritischer Infrastruktur entscheidet, ohne die zugrundeliegenden Modelle prüfen oder im Ernstfall durch souveräne Alternativen ersetzen zu können, trifft Entscheidungen, deren praktische Tragweite von außereuropäischen Akteuren begrenzt wird. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) hat diese Konstellation in seinem Werk als die zentrale Machtfrage des einundzwanzigsten Jahrhunderts beschrieben. Der Algorithmus gehört jemandem. Die Frage, wem, ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern eine verfassungsrechtliche und letztlich politisch-philosophische. Technologiepolitik ist Machtpolitik, weil die Infrastrukturen, die heute entstehen, die Bedingungen definieren werden, unter denen politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entscheidungen im kommenden Jahrzehnt getroffen werden. Wer die Chips kontrolliert, kontrolliert die Modelle. Wer die Modelle kontrolliert, kontrolliert die Entscheidungen, die auf ihnen aufbauen. Und wer die Entscheidungen kontrolliert, kontrolliert am Ende jene Handlungsspielräume, die eine Demokratie als ihren eigenen nennt. Diese Kausalkette ist keine Spekulation, sondern eine nüchterne Beschreibung der Architektur, die gegenwärtig gebaut wird. Europa steht in dieser Architektur nicht ohne Ressourcen da, aber seine Mittel sind im Verhältnis zur Ambition seiner Ziele unzureichend, und seine strategische Aufmerksamkeit verteilt sich auf zu viele parallele Programme, um an jedem einzelnen Punkt die notwendige kritische Masse zu erreichen. Die Aufgabe der kommenden Jahre wird nicht darin bestehen, diese Diagnose zu wiederholen, sondern darin, aus ihr die Konsequenzen zu ziehen, die der Ernst der Lage erfordert. Für Unternehmen bedeutet dies eine systematische Lieferkettenrisikoanalyse auf Vorstandsebene. Für Staaten bedeutet es eine Industriepolitik, die Cluster bildet statt Programme verteilt. Für die Union bedeutet es die Einsicht, dass Regulierung ohne Produktion auf Dauer nicht genügt, um die eigenen Werte in die Architektur der neuen Technologien einzuschreiben. Die Zeit für diese Einsichten läuft nicht unbegrenzt, und sie läuft nicht im Tempo europäischer Gesetzgebungsverfahren.

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Author: Dr. Raphael Nagel (LL.M.). Biografie