Technologie als geopolitischer Filter: Halbleiter, KI und Biotechnologie als Machtformen

# Technologie als geopolitischer Filter: Halbleiter, KI und Biotechnologie als Machtformen Die Vorstellung, Technologie sei ein Bereich des Marktes, in dem sich Produkte, Patente und Plattformen nach eigener Dynamik durchsetzen, ist in den letzten zehn Jahren still verabschiedet worden. Wer heute Halbleiter, Künstliche Intelligenz oder Biotechnologie analysiert, analysiert nicht ein Sektorcluster, sondern eine Zone strategischer Auseinandersetzung. In meinem Buch DER MULTIPOLARE INVESTOR habe ich diese Verschiebung als geopolitischen Filter bezeichnet. Der Begriff ist bewusst gewählt. Ein Filter lässt durch, was zugelassen wird, und hält zurück, was politisch unerwünscht ist. Technologie wird auf diese Weise zu einer Kategorie, deren Bewertung sich nicht mehr allein aus Umsätzen, Margen und Wachstumsraten ergibt, sondern aus der Position, die ein Vermögenswert in der Machtarchitektur konkurrierender Ordnungen einnimmt. ## Der Bruch mit der marktwirtschaftlichen Lesart Zwischen dem Fall der Mauer und der Finanzkrise von 2008 wurde Technologie als globales Gemeinschaftsgut gehandelt. Halbleiter entstanden in einer weltumspannenden Arbeitsteilung, in der amerikanisches Design, niederländische Lithographie, taiwanesische Fertigung, japanische Spezialchemikalien und koreanische Speichertechnologie als funktionierendes System zusammenwirkten. Die Idee war, dass diese Arbeitsteilung effizient sei und deshalb fortbestehen würde. Effizienz war das Leitkriterium, Resilienz die Randbedingung. Unter dieser Annahme konnten Investoren Technologieportfolios als rein sektorale Wetten konstruieren. Diese Annahme ist gefallen. Die amerikanischen Exportkontrollen gegenüber China, der CHIPS Act, die koordinierten Beschränkungen rund um ASML und Nvidia, die Debatte um ByteDance und schließlich die europäischen Regulierungen zu Künstlicher Intelligenz und Plattformökonomie zeichnen ein anderes Bild. Technologie wird nicht mehr primär daran gemessen, was sie kann, sondern daran, wem sie nützt. Dieser Wechsel der Leitfrage ist der entscheidende Punkt. Er verlagert die Bewertung aus der ökonomischen in die politische Dimension, ohne die ökonomische zu suspendieren. Der multipolare Investor muss beide gleichzeitig lesen. ## Halbleiter als Prüfstein der neuen Ordnung Halbleiter sind das deutlichste Beispiel dafür, dass Technologie als Machtform behandelt wird. Sie sind die Voraussetzung militärischer, industrieller und wissenschaftlicher Fähigkeit. Ein Staat, der keinen Zugriff auf die fortgeschrittensten Chips hat, verliert in einer Dekade Wettbewerbsfähigkeit in Verteidigung, Künstlicher Intelligenz, Automobilindustrie und Telekommunikation. Diese Einsicht hat die amerikanische Politik dazu geführt, Halbleiterfertigung als Frage nationaler Sicherheit zu rahmen. Der CHIPS Act ist nicht nur ein Subventionsprogramm, sondern eine Aussage über die Grenzen marktwirtschaftlicher Standortpolitik. Die Exportkontrollen gegen fortgeschrittene Fertigungsmaschinen und hochleistungsfähige Beschleuniger haben eine Wirkung, die über die unmittelbar sanktionierten Transaktionen hinausgeht. Sie verändern die Planungshorizonte ganzer Unternehmen. Ein Maschinenbauer wie ASML ist nicht mehr nur ein Technologieführer in einem spezialisierten Markt, sondern ein Akteur in einem sicherheitspolitischen Korridor. Ein Chipdesigner wie Nvidia operiert in einem Regime, in dem das Produktportfolio nicht allein von der Forschung und Entwicklung, sondern von der Frage abhängt, welche Varianten in welchen Absatzregionen überhaupt ausgeliefert werden dürfen. Diese Realität ist in keiner klassischen Sektoranalyse abgebildet. Für die Bewertung folgt daraus eine Beobachtung, die ich in DER MULTIPOLARE INVESTOR als zentrale Eigentümlichkeit dieser Epoche beschreibe. Bewertungsverschiebungen entstehen ohne Fundamentaländerung. Eine Ausfuhrgenehmigung kann geändert werden, ohne dass ein Umsatz eingebrochen oder eine Marge beschädigt worden wäre. Die zukünftige Cashflow-Struktur ist dennoch eine andere. Der Markt preist diese Verschiebungen oft erst spät ein, weil er sie nicht in seinen gewohnten Kategorien sieht. ## Künstliche Intelligenz und die Politik der Rechenleistung Künstliche Intelligenz ist der zweite Bereich, in dem Technologie als Filter wirkt. Sie wird nicht als Produktklasse behandelt, sondern als Produktivkraft, die ganze Sektoren verschiebt. Das macht sie zu einer politischen Größe. Entscheidend ist dabei weniger das einzelne Modell als die Infrastruktur, die hinter ihm steht: Rechenzentren, Energieversorgung, Datenzugang, Talentpools, spezialisierte Beschleuniger. Wer diese Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert einen Teil der künftigen Produktivität. Deshalb wird Künstliche Intelligenz in Washington, Peking, Brüssel und den Golfstaaten unterschiedlich regiert. Die amerikanische Linie besteht in der Koppelung fortschrittlicher Rechenleistung an die eigene Sicherheitsarchitektur. Die chinesische Linie besteht im beschleunigten Aufbau eigenständiger Fähigkeiten, die Abhängigkeiten reduzieren. Die europäische Linie besteht in einer Regulierung, die Anwendungsgrenzen setzt und Grundrechte schützt, ohne bisher eine eigene industrielle Tiefe in der Modell- und Chipproduktion aufgebaut zu haben. Die Golfstaaten entwickeln eine eigene Variante, in der Staatsfonds gezielt in Rechenkapazität, Modelle und Talent investieren. Diese vier Linien koexistieren nicht friedlich. Sie formen einen Filter, durch den Investitionen in KI-Unternehmen laufen müssen. Der Fall ByteDance hat gezeigt, dass die Eigentümerfrage bei datengetriebenen Plattformen nicht mehr privatrechtlich beantwortet wird. Wer welche Daten hält, wer auf welche Algorithmen zugreift, wer in welcher Jurisdiktion haftet, ist zu einer politischen Frage geworden. Für den Investor bedeutet das, dass die Bewertung eines Technologieunternehmens nicht nur von seiner Nutzerbasis, sondern von seiner rechtlich-strategischen Zuordnung abhängt. Zwei Unternehmen mit identischen Nutzerzahlen können gänzlich verschiedene Risiken tragen, wenn sie in unterschiedlichen Regelsystemen operieren. ## Biotechnologie und die Rückkehr der Souveränität Biotechnologie ist das dritte Feld, in dem der geopolitische Filter sichtbar geworden ist. Die Pandemie hat den Blick darauf geschärft, dass Impfstoffe, Wirkstoffe, Diagnostik und Produktionsanlagen keine neutralen Handelsgüter sind, sondern Elemente staatlicher Vorsorge. Wer über Produktionskapazitäten verfügt, verfügt über eine Form von Souveränität, die in den Jahrzehnten globaler Arbeitsteilung unauffällig an einzelne Standorte delegiert worden war. Diese Delegation ist zurückgenommen worden, leise, aber konsequent. Für Investoren ist die Biotechnologie deshalb doppelt zu lesen. Auf der einen Seite steht ein Sektor, der von wissenschaftlichem Fortschritt lebt und in dem Bewertung weiterhin stark von klinischen Daten, regulatorischen Genehmigungen und Erstattungspolitik getrieben wird. Auf der anderen Seite steht ein Feld, in dem Staaten die Ansiedlung von Produktion, die Kontrolle sensibler genomischer Daten und den Zugang zu strategischen Wirkstoffen aktiv steuern. Die Verbindung beider Lesarten ist die eigentliche Analyseaufgabe. Die klassische Biotech-Analyse ohne geopolitische Einbettung unterschätzt Standort- und Zulassungsrisiken. Die rein geopolitische Lesart ohne wissenschaftliche Substanz verfehlt die Bewertungsrealität. ## Bewertungsverschiebung ohne Fundamentaländerung Die entscheidende Beobachtung, die sich aus diesen drei Feldern ergibt, lässt sich in einem Satz zusammenfassen. In der multipolaren Ordnung verschieben politische Entscheidungen Bewertungen, ohne dass sich die zugrunde liegenden Fundamentaldaten unmittelbar ändern. Diese Aussage klingt zunächst unspektakulär, sie ist aber methodisch weitreichend. Die klassische Bewertungsarbeit fragt nach Umsatz, Kosten, Investitionsbedarf, Kapitalstruktur und Wettbewerbsintensität. Alle diese Größen können unverändert bleiben, während eine Exportlizenz, eine Zulassung, eine Listing-Regel oder ein Investitionsprüfverfahren den Wert eines Unternehmens substanziell neu definieren. Ein Investor, der nur Fundamentaldaten beobachtet, sieht diese Verschiebungen zu spät. Er reagiert, wenn die Märkte bereits reagiert haben, häufig in einer Phase emotionaler Preisbildung. Ein Investor, der politische, technologische und regulatorische Signale systematisch verfolgt, erkennt die Verschiebung in ihrer Vorbereitungsphase. Diese Differenz ist keine Frage der Geschwindigkeit, sondern der Beobachtungsordnung. Wer weiß, dass die Bewertung auch aus politischen Entscheidungen entsteht, liest die Welt anders als jener, der weiterhin unterstellt, Kurse seien destillierte Fundamentaldaten. ## Folgen für die europäische Technologieallokation Für europäische Investoren ergeben sich daraus Konsequenzen, die in klassischen Allokationsraster nicht abgebildet sind. Europa ist in den Schlüsseltechnologien Halbleiter, Künstliche Intelligenz und Teile der Biotechnologie weniger souverän, als es seine wirtschaftliche Größe nahelegt. Es verfügt über einzelne exzellente Punkte wie die Lithographie, die Spezialchemie, Teile der Pharmaforschung und der industriellen Automatisierung, aber die integrierte Fähigkeit, ganze Wertschöpfungsketten zu kontrollieren, ist in mehreren Bereichen nicht vorhanden. Diese Lage ist nicht neu, sie wird durch die Multipolarität jedoch sichtbar gemacht. Der europäische Investor steht damit vor einer doppelten Aufgabe. Erstens muss er akzeptieren, dass bedeutende Teile seiner Technologieallokation in amerikanischen oder asiatischen Wertschöpfungsketten stattfinden und damit den politischen Regimes dieser Räume unterliegen. Zweitens muss er die wenigen europäischen Ankerpunkte strategisch gewichten, nicht als nationale Präferenz, sondern als Positionierung in einer Ordnung, in der Souveränität zur Bewertungskategorie wird. Wie ich in DER MULTIPOLARE INVESTOR ausgeführt habe, ist die strategische Gewichtung von Souveränität keine politische Geste, sondern eine analytische Antwort auf einen veränderten Risikoraum. Konkret bedeutet das, Technologiepositionen nicht mehr nur nach Wachstumsraten und Multiples zu beurteilen, sondern nach ihrer Zuordnung zu Exportkontrollregimen, zu industriepolitischen Förderarchitekturen, zu Datenschutz- und Zulassungsregeln und zu strategischen Lieferkettenabhängigkeiten. Das gleiche Unternehmen kann unter zwei dieser Raster gegensätzlich erscheinen. Die Aufgabe besteht darin, diese Raster zusammenzudenken, ohne die analytische Schärfe zu verlieren. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) beschreibt diese Aufgabe in seinem Buch als die eigentliche Übersetzungsleistung des Investors, die von keinem Bewertungsmodell abgenommen wird, sondern nur durch Urteilskraft geleistet werden kann. Technologie als geopolitischer Filter zu verstehen, heißt, den eigenen Blick umzustellen. Es heißt, Halbleiter, Künstliche Intelligenz und Biotechnologie nicht mehr als neutrale Produktklassen zu behandeln, sondern als Formen von Macht, deren Bewertung sich aus der Spannung zwischen technischer Leistungsfähigkeit und politischer Zuordnung ergibt. Für europäische Investoren ist dieser Perspektivwechsel besonders folgenreich, weil er Abhängigkeiten offenlegt, die in der Phase der unipolaren Ordnung verborgen bleiben konnten. Er ersetzt keine der klassischen Analyseschritte, aber er stellt sie in einen Rahmen, ohne den sie unvollständig sind. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) plädiert in DER MULTIPOLARE INVESTOR nicht für eine Abkehr von Technologieinvestitionen, sondern für eine nüchterne Anerkennung ihrer politischen Struktur. Wer in dieser Struktur investiert, ohne sie zu sehen, trägt Risiken, die nicht in seinen Kennzahlen auftauchen. Wer sie sieht, gewinnt einen Handlungsspielraum, der in der multipolaren Welt über die Qualität der Allokation entscheidet.

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Author: Dr. Raphael Nagel (LL.M.). Biografie