# Security, Defense und KRITIS: Die neue Rolle sicherheitsrelevanter Investitionen
Es gibt Themen, die in der Kapitalmarktdiskussion der letzten drei Jahrzehnte am Rand standen, weil sie nicht in den Rahmen passten, in dem westliche Investoren operierten. Sicherheit war eines dieser Themen. Verteidigung galt als politische Aufgabe, kritische Infrastruktur als versorgungstechnische Selbstverständlichkeit, und die Annahme, dass beide durch staatliches Handeln zuverlässig gewährleistet würden, ließ ihre kapitalmarktliche Dimension in den Hintergrund treten. Diese Phase ist vorbei. Was unter dem Begriff der Verteidigung kritischer Infrastruktur zusammengefasst wird, ist innerhalb weniger Jahre zu einem Feld geworden, in dem strategisches Kapital allokiert wird, weil andernfalls die Voraussetzungen unterhöhlt werden, auf denen alle anderen Anlageklassen beruhen. Dieser Essay versucht, diese Verschiebung nüchtern einzuordnen, wie sie im Band Der multipolare Investor angelegt ist.
## Die Rückkehr der physischen Realität in die Asset Allokation
Die unipolare Komfortzone, wie sie im Prolog des Buches beschrieben wird, hatte eine stille Begleitannahme: dass Versorgungssicherheit, Schutz kritischer Knoten und die militärische Rückendeckung offener Handelswege Bedingungen seien, die gegeben sind, nicht Bedingungen, die verteidigt werden müssen. Unter dieser Annahme ließ sich Kapital in einer Welt denken, deren physische Grundlagen unsichtbar blieben. Pipelines, Seekabel, Hafenanlagen, Umspannwerke, Rechenzentren und Munitionsfabriken waren Infrastruktur im Wortsinn: darunter, außer Sichtweite, nicht im Fokus der Allokation.
Diese Unsichtbarkeit ist ein Luxus, den die multipolare Ordnung nicht mehr gewährt. Die Episoden, die Dr. Raphael Nagel (LL.M.) in den ersten Kapiteln seines Buches anführt, vom Einfrieren russischer Währungsreserven über die Halbleiterrestriktionen bis zur Fragmentierung der Lieferketten, haben die physische Realität zurück in das Sichtfeld der Investoren gezwungen. Was dabei sichtbar wird, ist eine zweite Bilanz unter der ökonomischen: eine Bilanz der Abhängigkeiten, Engpässe und Zugriffspunkte. Wer Kapital in einer Welt bewegt, in der diese zweite Bilanz über den Wert der ersten entscheidet, muss sie lesen lernen.
Security, Defense und KRITIS sind deshalb keine Randsektoren, die aus thematischem Opportunismus an Bedeutung gewinnen. Sie sind die materielle Infrastruktur, auf der die Funktionsfähigkeit aller anderen Anlageklassen ruht. Ihre kapitalmarktliche Aufwertung ist weniger ein Modeeffekt als eine späte Anerkennung ihrer strukturellen Rolle.
## Verteidigung als legitimes Anlagefeld
Die Debatte, ob Verteidigung ein legitimes Anlagefeld ist, hat sich in den vergangenen Jahren verschoben. Sie wurde lange unter Maßgabe von Ausschlusskriterien geführt, die aus einer anderen Ordnung stammten. In jener Ordnung konnte die Annahme tragen, dass der Schutz offener Gesellschaften ein Aggregat sei, für das private Kapitalströme nicht aufkommen müssten. In der Ordnung, die Dr. Raphael Nagel (LL.M.) als multipolar beschreibt, trägt diese Annahme nicht mehr. Wer offene Gesellschaften für bewahrenswert hält, muss anerkennen, dass ihr Erhalt materielle Voraussetzungen hat, und dass diese Voraussetzungen finanziert werden müssen.
Die europäische Rüstungsindustrie ist dabei der anschaulichste Fall. Über Jahre war sie unterfinanziert, zersplittert und durch nationale Beschaffungslogiken ineffizient. Ihre Repositionierung seit 2022 ist keine konjunkturelle Welle, sondern eine strukturelle Neubewertung. Polen, das im Buch als militärisch aufrüstender Knoten im neuen sicherheitspolitischen Europa genannt wird, ist ein sichtbares Beispiel dieser Verschiebung: Beschaffungsvolumen, die in einer früheren Phase als Ausreißer gegolten hätten, werden nun Teil einer langfristig gedachten Sicherheitsarchitektur. Für Investoren verändert das die Zeithorizonte, mit denen Auftragsbücher, Kapazitätsausbau und Kapitalbedarf der betroffenen Unternehmen zu lesen sind.
Was hinzukommt, ist ein politisches Moment, das in den Bilanzzahlen nicht direkt abgebildet wird. Verteidigungsindustrielle Fähigkeiten sind nicht beliebig skalierbar. Fertigungskapazität, qualifiziertes Personal, Zulieferstrukturen und Zertifizierungsprozesse haben Vorlaufzeiten, die politische Zyklen übersteigen. Kapital, das in diese Kapazitäten fließt, übernimmt Verantwortung über mehrere Legislaturperioden hinweg. Das ist kein Argument gegen eine solche Allokation, sondern eine Beschreibung ihrer Natur.
## KRITIS: Energie, Datennetze und die Topographie der Abhängigkeit
Kritische Infrastruktur umfasst mehr als das, was im öffentlichen Sprachgebrauch unter diesem Begriff verhandelt wird. Sie reicht von der Erzeugung und Übertragung elektrischer Energie über Gas- und Ölleitungen, Wasserwirtschaft und Verkehrsknoten bis zu Rechenzentren, Seekabeln, Satellitennetzen und Cloud-Infrastrukturen. Jedes dieser Felder ist im Verlauf der vergangenen Dekade in die Zone geopolitischer Aufmerksamkeit gerückt, weil seine Störung Folgen auslöst, die nicht durch Preismechanismen aufgefangen werden.
Energie ist das deutlichste Beispiel. Der Umbau der europäischen Energieversorgung, der nach 2022 einsetzte, war nicht nur eine Reaktion auf einzelne Lieferantenrisiken, sondern eine späte Anerkennung, dass Energieinfrastruktur eine politische Geographie hat. Für Investoren ergeben sich daraus über mehrere Jahre reichende Kapitalbedarfe in Netzen, Speichern, Flüssiggasterminals, Kernkraftrestrukturierung und erneuerbaren Erzeugungskapazitäten. Diese Bedarfe sind nicht zyklisch. Sie sind strukturell.
Datennetze bilden die zweite Achse. Seekabel, die den transatlantischen und interkontinentalen Datenverkehr tragen, Rechenzentren mit strategischer Relevanz für Verwaltung, Finanzsystem und Industrie, und die zunehmende Abhängigkeit von wenigen Cloud-Anbietern sind Punkte, an denen Souveränität und operative Verfügbarkeit direkt aufeinandertreffen. Ein Investor, der KRITIS als eigenständiges Feld der Allokation begreift, liest diese Punkte nicht als technische Fußnoten, sondern als tragende Elemente in der Architektur seiner Positionen.
## ESG-Kompatibilität und der Konflikt der Rahmenwerke
Die Frage der ESG-Kompatibilität sicherheitsrelevanter Investitionen ist nicht durch semantische Korrekturen zu beantworten, sondern durch eine Klärung, welchen Zweck Nachhaltigkeitsrahmen in einer multipolaren Welt eigentlich haben. Wenn Nachhaltigkeit als Schutz der gesellschaftlichen Grundlagen verstanden wird, auf denen wirtschaftliche Tätigkeit ruht, dann gehören Sicherheit und kritische Infrastruktur zu ihrem Kern. Wenn sie als Katalog von Ausschlüssen verstanden wird, der in einer Phase formuliert wurde, in der Sicherheit als selbstverständlich galt, dann gerät sie in Konflikt mit Entwicklungen, die sie nicht vorgesehen hat.
Dieser Konflikt ist nicht auflösbar durch rhetorische Anpassungen. Er verlangt eine nüchterne Überarbeitung der Rahmenwerke, in denen Nachhaltigkeit und sicherheitsrelevante Investitionen aufeinander bezogen werden. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) weist im Buch darauf hin, dass Europa zu den globalen Standardsetzern in der Nachhaltigkeitsregulierung gehört. Gerade deshalb liegt hier eine Aufgabe, die nicht den Kapitalmarktteilnehmern allein überlassen werden sollte, sondern politisch und institutionell bearbeitet werden muss.
Für den einzelnen Investor bleibt in der Zwischenzeit die Aufgabe der Übersetzung: Er muss die zugrunde liegenden Absichten verschiedener Rahmenwerke lesen, ihre Widersprüche kennen und Entscheidungen treffen, die sich vor beiden Seiten seiner Verantwortung rechtfertigen lassen, der gegenüber den gesellschaftlichen Grundlagen und der gegenüber den langfristigen Trägern des Kapitals.
## Vom Anleger zum strategischen Eigentümer
Sicherheits- und Infrastrukturinvestitionen sind ungeeignet für die Logik kurzfristiger Umschichtung. Ihre Zeithorizonte, ihre politische Einbettung und ihr Kapitalbedarf stehen in einem Verhältnis, das eher dem Eigentümer als dem Anleger entspricht. Genau diese Verschiebung, die im letzten Teil des Buches vom globalisierten Anleger zum strategischen Eigentümer beschrieben wird, bildet sich in diesen Feldern besonders deutlich ab. Wer in Rüstungskapazität, Netze, Rechenzentren oder Verteidigungstechnologie investiert, übernimmt nicht eine Position, sondern eine Rolle.
Diese Rolle hat Konsequenzen für die Art der Analyse. Fundamentaldaten bleiben unverzichtbar, aber sie müssen ergänzt werden durch das, was der Autor als Übersetzungsleistung zwischen Machtlogik und Kapitallogik bezeichnet. Ein Netzbetreiber ist kein neutrales Versorgungsunternehmen, sondern ein Knoten in einer sicherheitspolitischen Architektur. Ein Rüstungsunternehmen ist nicht nur ein Auftragsempfänger, sondern ein Träger industrieller Souveränität. Ein Rechenzentrum ist nicht nur ein Immobilienobjekt mit Stromanschluss, sondern ein Element digitaler Resilienz.
Für den multipolaren Investor bedeutet dies, Beteiligungen so zu strukturieren, dass sie über Zyklen hinweg gehalten werden können. Das verlangt stabilere Partnerschaften mit Unternehmen, belastbare Governance-Strukturen, eine Bereitschaft zu geduldigem Kapital und die Fähigkeit, politische Entwicklungen nicht als Irritation, sondern als Rahmen der Eigentümerrolle zu akzeptieren. Die Differenz zu einem renditegetriebenen Umschichtungsverhalten ist nicht stilistisch, sondern strukturell.
## Europa zwischen Schwäche und Chance
Europa ist in diesem Feld in einer eigentümlichen Position. Seine institutionelle Tiefe, seine regulatorische Prägekraft und die Größe seines Kapitalmarktes stünden einer ernsthaften Rolle in Verteidigung und kritischer Infrastruktur nicht im Wege. Seine Fragmentierung, die Heterogenität seiner nationalen Interessen und die Langsamkeit seiner gemeinsamen Entscheidungsprozesse tun es durchaus. Beide Seiten gehören in eine realistische Einschätzung.
Die Chance liegt darin, dass Europa in diesen Feldern erstmals seit langer Zeit einen strategischen Grund hat, Kapital, Industriepolitik und Sicherheitsarchitektur in einem Rahmen zu denken. Die Schwäche liegt darin, dass diese Integration keineswegs garantiert ist und dass der zeitliche Vorsprung anderer Ordnungen in einzelnen Teilfeldern bereits erheblich ist. Für Investoren bedeutet das, dass Engagements in europäischer Verteidigung und kritischer Infrastruktur mit der Frage verbunden sind, in welcher institutionellen Tiefe sie eingebettet werden können.
Dr. Raphael Nagel (LL.M.) vermeidet in seinem Buch die Versuchung, Europa entweder abzuschreiben oder zu idealisieren. Dieser mittlere Blick ist für das Feld der sicherheitsrelevanten Investitionen besonders geeignet. Er erlaubt es, die strukturellen Möglichkeiten zu sehen, ohne die operativen Hürden kleinzureden, und er erzieht zu einem Kapitalverhalten, das Fortschritte nicht mit vollendeten Ordnungen verwechselt.
Wer den Bogen dieses Essays auf die Ausgangsposition des Buches zurückführt, erkennt, dass Verteidigung und kritische Infrastruktur kein Spezialthema neben der Asset Allokation bilden, sondern zu ihren Grundlagen gehören, sobald man die multipolare Realität ernst nimmt. Kapital, das diese Felder meidet, entzieht sich nicht der geopolitischen Dimension, sondern verlagert sie nur in nicht adressierte Abhängigkeiten. Kapital, das sie ernsthaft bespielt, übernimmt Verantwortung gegenüber kommenden Generationen in einer Form, die der Widmung des Buches entspricht. Die Aufgabe des Investors, wie sie in Der multipolare Investor formuliert ist, besteht nicht darin, die Welt zu begrüßen oder zu bedauern, sondern sie als Operationsraum zu akzeptieren. Security, Defense und KRITIS sind in diesem Operationsraum keine Randsegmente mehr. Sie sind die Felder, an denen sich zeigt, ob ein Portfolio in der Welt verankert ist, die es tatsächlich gibt, oder in einer, die nicht mehr zurückkehrt.
Für wöchentliche Analysen zu Kapital, Führung und Geopolitik: Dr. Raphael Nagel (LL.M.) auf LinkedIn folgen →