Vom Ölembargo 1973 zum Hormus-Schock 2026: Die Wiederholung, die Europa nicht verstanden hat

# Ölschock 1973, Hormus 2026: Die Wiederholung, die Europa nicht verstanden hat Es gibt Daten in der europäischen Geschichte, die wie Spiegel funktionieren. Man blickt hinein, und der eigene Zustand tritt deutlicher hervor als in jedem Gutachten. Der 17. Oktober 1973 war ein solches Datum. Der 28. Februar 2026 ist ein anderes. Zwischen beiden liegen mehr als fünfzig Jahre, drei Generationen von Politikern, unzählige Strategiepapiere und ein Kontinent, der sich selbst gern erzählt, er habe aus der Geschichte gelernt. Das vorliegende Essay, gestützt auf die Argumentation von Dr. Raphael Nagel (LL.M.) in seinem Buch SCHIEFER, behauptet das Gegenteil. Es behauptet, dass Europa das Muster nicht erkannt hat, weil es das Muster nicht erkennen wollte. Energieabhängigkeit ist in der europäischen Nachkriegsgeschichte keine Episode. Sie ist eine Struktur. Und Strukturen, die nicht verändert werden, wiederholen sich. ## Der erste Spiegel: Oktober 1973 Am 17. Oktober 1973 verhängten die arabischen Mitglieder der OPEC ein Ölembargo gegen die Unterstützer Israels im Jom-Kippur-Krieg. Innerhalb weniger Monate vervierfachte sich der Ölpreis. In Deutschland blieben an vier aufeinanderfolgenden Sonntagen die Autobahnen leer. In Großbritannien arbeitete die Industrie kurzzeitig in einer Drei-Tage-Woche. Vor amerikanischen Tankstellen standen Schlangen, die sich über ganze Stadtblöcke erstreckten. Was an diesen Bildern irritiert, ist weniger die Härte des Schocks als die Botschaft, die er überbrachte. Der Westen, der ein Vierteljahrhundert zuvor Europa wiederaufgebaut und den Mond erreicht hatte, war erpressbar. Nicht durch militärische Schwäche, sondern durch geologische Abhängigkeit. Die amerikanische Antwort kam binnen Monaten und war strategischer Natur. Henry Kissinger verhandelte mit Riad den Petrodollar-Pakt: Öl wird in Dollar gehandelt, die Einnahmen fließen in US-Staatsanleihen, Washington übernimmt die Sicherheitsgarantie für die Golfmonarchien. Der Pakt war zynisch, er war faustisch, und er hielt ein halbes Jahrhundert. Europa antwortete nicht. Es kaufte Öl, wo es am günstigsten war, und überließ die sicherheitspolitische Flankierung den Amerikanern. Dieser Verzicht auf eine eigene Energiestrategie war keine Entscheidung im eigentlichen Sinn. Er war die Abwesenheit einer Entscheidung, verkleidet als Pragmatismus. ## Der zweite Spiegel: Februar 2026 Am 28. Februar 2026 begann eine Operation, die in ihrer Wirkung den Oktober 1973 zitiert, ohne ihn zu kopieren. Neunhundert Angriffe amerikanischer und israelischer Streitkräfte auf iranisches Territorium in zwölf Stunden, ohne Kriegserklärung, ohne UN-Mandat, ohne Konsultation der europäischen Verbündeten. Die iranische Antwort war die Schließung der Straße von Hormus, jener schmalen Meerenge, durch die täglich fast ein Fünftel des weltweiten Öls fließt. Der Rohölpreis stieg binnen zweiundsiebzig Stunden um achtundzwanzig Prozent. Die Heizkosten stiegen, die Industriekalkulationen brachen zusammen, die Tankfüllung wurde zur Nachricht. Die Parallelen zur Preisdynamik von 1973 sind auffällig, die Asymmetrie zwischen den Kontinenten ist es noch mehr. Amerika tankt im März 2026 zu annähernd gleichen Preisen wie im Februar. Das Land fördert seit einem Jahrzehnt mehr Öl, als es verbraucht, und hat die strategischen Reserven auf über siebenhundert Millionen Barrel aufgefüllt. Europa dagegen importiert mehr als dreißig Prozent seines Öls aus dem Persischen Golf und ist beim Flüssigerdgas auf Katar angewiesen, dessen Tanker ebenfalls durch Hormus laufen. Der Schock von 2026 trifft Europa nicht zufällig härter als Amerika. Er trifft Europa härter, weil Europa in fünf Jahrzehnten nichts Grundsätzliches an seiner strukturellen Lage verändert hat. ## Die Petrodollar-Logik und ihre stille Transformation Das System, das Kissinger 1974 entwarf, funktioniert im Jahr 2026 noch immer, aber es funktioniert anders. Solange Amerika selbst auf arabisches Öl angewiesen war, war der Petrodollar eine Abhängigkeit, die als Hegemonie verkleidet auftrat. Das Land brauchte die Monarchien, die Monarchien brauchten den Dollar, und das wechselseitige Bedürfnis erzwang eine Form von Rücksicht. Die Schieferrevolution hat dieses Gleichgewicht verschoben. Amerika braucht das arabische Öl nicht mehr. Es braucht nur noch das System, das den Dollar als globale Ölwährung stützt. Der Unterschied zwischen beiden Konfigurationen ist kein finanztechnisches Detail, sondern eine Frage der Souveränität. Ein Land, das einen Rohstoff braucht, ist erpressbar. Ein Land, das einen Rohstoff hat und andere es brauchen lässt, ist souverän. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) beschreibt in SCHIEFER präzise diesen Übergang vom ersten in den zweiten Zustand. Europa dagegen hat diesen Übergang nie vollzogen. Es hat das Petrodollar-System genutzt, ohne an ihm beteiligt zu sein, und stand damit strukturell auf der Seite derer, die zahlen, nicht derer, die Bedingungen setzen. In der ruhigen Phase zwischen 1990 und 2020 fiel das kaum auf. In der Krise von 2026 fällt es auf jede Rechnung. ## Die europäische Passivität als kulturelles Muster Wer die Akten der Bundesregierung, der französischen Nationalversammlung und der britischen Regierung zwischen 1974 und 2021 durchsieht, findet eine erstaunliche Konstante. Energie wurde als technische Frage behandelt, kaum als strategische. Man diskutierte Preise, Versorgungswege, Emissionen und Subventionen. Man diskutierte selten die Frage, die Kissinger im Zentrum seines Handelns hatte: Wer kontrolliert wen, wenn die Lichter ausgehen? Dieses Vakuum ist nicht zufällig. Es ist die Folge einer politischen Kultur, die Außenpolitik dem Atlantik überließ, Energiepolitik dem Markt und Sicherheitspolitik den Sonntagsreden. Die Genehmigung von Nord Stream 2 im Jahr 2015, ein Jahr nach der Annexion der Krim, ist der sinnfälligste Ausdruck dieses Musters. Man sprach von Handel als Friedensstrategie, von kommerzieller Normalität, von wechselseitiger Verflechtung. Was man nicht sprach, war das Vokabular von 1973: Erpressbarkeit, Abhängigkeit, Unterwerfung durch Infrastruktur. Die Pipeline wurde im September 2022 gesprengt, ohne je Gas transportiert zu haben. Die neun Komma fünf Milliarden Euro Investitionsvolumen waren wertlos. Das ist keine Ironie der Geschichte. Das ist die Rechnung, die jemand bezahlen musste, weil fünfzig Jahre lang niemand die Frage stellen wollte, die schon 1973 auf dem Tisch lag. ## Warum die Wiederholung nicht erkannt wurde Muster werden nicht erkannt, weil sie sich wiederholen, sondern weil jemand bereit ist, sie zu benennen. Die europäische Debatte zwischen 1990 und 2022 war geprägt von einer narrativen Hauptlinie, die den Ölschock 1973 als überwundene Episode behandelte. Die Energiewende, so die Erzählung, würde die fossile Abhängigkeit in einem linearen Prozess auflösen. Wind und Sonne würden Öl und Gas ersetzen, und die Geopolitik der Kohlenwasserstoffe würde sich als Relikt des zwanzigsten Jahrhunderts erweisen. Diese Erzählung war nicht falsch in ihrem Ziel. Sie war falsch in ihrer Zeitrechnung. Was die Erzählung ausblendete, war die Übergangsphase. Jene zwei bis vier Jahrzehnte, in denen Europa noch Öl, Gas und Kohle in erheblichen Mengen verbrauchen würde, in denen die Industrie noch Grundlast bräuchte und die Haushalte noch heizen wollten. Diese Übergangsphase wurde nicht als strategisches Risiko modelliert, sondern als lästige Restgröße verwaltet. Damit wurde der Hormus-Schock von 2026 nicht herbeigeführt, aber er wurde möglich gemacht. Hätte Europa die Übergangsphase als eigenständige sicherheitspolitische Aufgabe begriffen, hätte es eigene Förderkapazitäten, europäische LNG-Infrastruktur, strategische Reserven von einhundertachtzig statt neunzig Tagen und eine koordinierte Einkaufsmacht aufgebaut. Nichts davon wurde vor 2022 systematisch betrieben. ## Die Arithmetik der Ohnmacht Es gibt eine Stelle in den Überlegungen von Dr. Raphael Nagel (LL.M.), an der die politische Diagnose in reine Arithmetik übergeht. Sanktionen, schreibt er sinngemäß, sind nur dann wirksam, wenn der Sanktionierende weniger vom Sanktionierten abhängt als umgekehrt. Dieser Satz klingt banal, bis man ihn auf die europäische Außenpolitik seit 1973 anwendet. Europa konnte gegen arabische Ölproduzenten kaum Sanktionen verhängen, weil es ihr Öl brauchte. Es konnte gegen Russland lange keine Gassanktionen verhängen, weil es russisches Gas brauchte. Es kann heute gegen Katar keine harten Bedingungen stellen, weil es katarisches LNG braucht. Die Konsequenz ist eine strukturell leisere Außenpolitik. Das ist keine Frage des Charakters oder des Mutes europäischer Diplomaten. Es ist die arithmetische Folge von Entscheidungen, die in Friedenszeiten getroffen und in Krisenzeiten sichtbar werden. 1973 konnte man diese Ohnmacht als vorübergehend begreifen, als Folge eines historischen Rückstands, der aufzuholen sei. 2026 lässt sich diese Lesart nicht mehr halten. Fünfzig Jahre sind genug Zeit, um einen Rückstand aufzuholen, wenn man es will. Der Rückstand besteht, weil der Wille fehlte. Die Wiederholung zwischen 1973 und 2026 ist nicht vollständig. Die Technologien sind andere, die Akteure haben gewechselt, die Preisniveaus sind nicht identisch, und die geopolitische Architektur des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts unterscheidet sich erheblich von der des Kalten Krieges. Was sich wiederholt, ist weder ein Ereignis noch eine Konstellation, sondern eine Struktur. Diese Struktur hat einen Namen: Sie heißt Abhängigkeit von Rohstoffen, die andere kontrollieren, in Verbindung mit der politischen Weigerung, diese Abhängigkeit als primäre sicherheitspolitische Frage zu behandeln. Wer diese Struktur nicht verändert, erlebt sie wieder. Wer sie erlebt und nicht versteht, erlebt sie ein drittes Mal. Die Lektion, die Dr. Raphael Nagel (LL.M.) in SCHIEFER zieht, ist daher keine kurzfristige Krisendiagnose. Sie ist eine historiographische Mahnung. Europa hat den Ölschock 1973 als Schock erlebt, aber nicht als Lehrstück. Es hat den Hormus-Schock 2026 als Überraschung erlebt, obwohl er nicht überraschend war. Ob es dieses zweite Datum zu einem Lehrstück macht oder zu einer weiteren Episode, die man in zehn Jahren wieder vergisst, entscheidet sich nicht in den Talkshows der nächsten Monate. Es entscheidet sich in den stillen Akten, die heute geschrieben werden, in den Haushaltsentwürfen für 2027, in den Pipeline-Planungen, in den Reserve-Gesetzen und in der Frage, ob in europäischen Parlamenten endlich jemand bereit ist, den Satz auszusprechen, den Henry Kissinger 1973 für selbstverständlich hielt: dass Energie keine Technikfrage ist, sondern eine Machtfrage. Wer diesen Satz nicht ausspricht, wird die nächste Rechnung ebenso bezahlen wie die letzte. Ohne sie je bestellt zu haben.

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Author: Dr. Raphael Nagel (LL.M.). Biografie