Menschen lesen, nicht nur Bilanzen: Gründerpsychologie in der Due Diligence

# Menschen lesen, nicht nur Bilanzen: Gründerpsychologie im Deal Es gibt einen Moment in jeder Transaktion, den Datenräume nicht abbilden. Er ereignet sich zwischen zwei Sätzen, meist in einem Nebenraum, selten im Protokoll. Ein Gründer spricht über sein Unternehmen, und für einen Augenblick wird sichtbar, ob er es wirklich abgeben will oder ob er nur die Mechanik eines Verkaufs in Gang gesetzt hat, weil die Umstände ihn dazu nötigen. In diesem Augenblick liegt mehr Information über die kommenden fünf Jahre als in dreihundert Seiten Due-Diligence-Bericht. Wer diesen Augenblick nicht lesen kann, kauft eine Bilanz und bekommt ein Problem. Wer ihn lesen kann, kauft ein Unternehmen und bekommt ein Mandat. Dieser Essay folgt einem Gedanken aus dem Buch Rendite und Verantwortung von Dr. Raphael Nagel (LL.M.): Die rückwärtsgerichtete Prüfung von Zahlen ist notwendig, aber sie ist nicht die entscheidende Prüfung. Die entscheidende Prüfung betrifft Menschen. ## Die Grenze der rückwärtsgerichteten Due Diligence Die klassische Due Diligence ist ein Werkzeug zur Reduktion von Unsicherheit über Vergangenes. Sie untersucht, ob die Umsätze der letzten drei Jahre wirklich Umsätze waren, ob die Margen den Kalkulationsannahmen entsprechen, ob Eventualverbindlichkeiten ordnungsgemäß bilanziert sind, ob Verträge rechtsgültig und übertragbar sind. Das alles ist wichtig. Es ist auch ausreichend, um einen bereits vollzogenen Zustand zu beschreiben. Es ist nicht ausreichend, um die Frage zu beantworten, ob das Unternehmen unter neuer Eigentümerschaft weiter funktionieren wird. Die Mechanik dieser Prüfung ist vergangenheitsbezogen, und ihre Sprache ist die der Juristen und Wirtschaftsprüfer. Beides hat seinen Platz. Aber beides beantwortet nicht die eine Frage, die in der operativen Beteiligungspraxis am schwersten wiegt: Wie wird dieser Umsatz in fünf Jahren produziert, und wer wird ihn produzieren. Diese Frage ist keine Bilanzfrage. Sie ist eine Strukturfrage. Und ihre Vorstufe ist eine psychologische. ## Der Gründer als unerkannter Bilanzposten In vielen mittelständischen Unternehmen ist der Gründer nicht nur eine Person, sondern eine Struktur. Er ist zugleich oberster Vertriebsverantwortlicher, informelles Controlling, Kreditentscheider, Personalchef und kulturelles Zentrum. Diese Funktionen sind nicht im Organigramm abgebildet. Sie sind in den Gewohnheiten des Hauses abgelegt. Wenn der Gründer nach dem Closing verschwindet, verschwinden sie mit ihm, sofern sie nicht vorher in formale Systeme überführt wurden. Die Due-Diligence-Übung übersieht diesen Umstand fast systematisch, weil er sich nicht aktivieren lässt. Ein Gründer, der fünfzig Prozent des Umsatzes persönlich verantwortet, erscheint in der Gewinn- und Verlustrechnung nicht als Klumpenrisiko. Er erscheint als Geschäftsführer mit einem bestimmten Gehalt. Die Diskrepanz zwischen seinem formalen und seinem tatsächlichen Gewicht im Unternehmen ist der größte blinde Fleck vieler Transaktionen. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) beschreibt diesen Fleck in seinem Buch als die zentrale Strukturfrage des mittelständischen Kaufs: Wer produziert den Umsatz, wenn der Mensch, der ihn bisher produziert hat, nicht mehr da ist. ## Ego, Nachfolgekonflikt und die Geometrie des Abschieds Die Psychologie eines Verkäufers im Mittelstand ist selten die eines klassischen Investors. Der Gründer verkauft nicht eine Position im Portfolio. Er verkauft ein Stück Lebensgeschichte. In dieser Konstellation treten Motive auf, die in Investorengesprächen üblicherweise nicht benannt werden: Angst vor Bedeutungsverlust, unerfüllte Anerkennung durch die eigene Familie, der Wunsch, ein Erbe zu hinterlassen, das den eigenen Namen trägt, die Sorge, den Lebensabschnitt nach dem Verkauf nicht zu füllen. Diese Motive sind nicht kleinlich. Sie sind menschlich. Sie werden zur Gefahr erst dann, wenn sie unausgesprochen in die Transaktion eingewoben sind. Nachfolgekonflikte verschärfen die Lage. Wenn die nächste Generation im Haus arbeitet und übergangen wird, entsteht ein Widerstand, der sich nicht in Verträgen abbilden lässt. Wenn sie nicht im Haus arbeitet, aber rechtliche Ansprüche hat, entsteht ein Drittkonflikt, den der Investor erbt, ohne ihn verursacht zu haben. Wenn Geschwister mit ungleichen Anteilen und gleicher Eitelkeit am Tisch sitzen, ist die Transaktion vor ihrem eigentlichen Beginn bereits belastet. Ein Käufer, der diese Konstellation nicht analysiert, bevor er den Kaufpreis diskutiert, riskiert, mehr zu zahlen, als das Unternehmen nach Abwicklung der internen Spannungen wert ist. ## Die Strukturfrage: Wie wird dieser Umsatz in fünf Jahren produziert In Rendite und Verantwortung formuliert Dr. Raphael Nagel (LL.M.) einen Satz, der im Buch unauffällig steht und in der Praxis jede Transaktion ordnet: Wie wird dieser Umsatz in fünf Jahren produziert. Die Frage ist einfach. Die Antwort ist selten einfach. Sie verlangt eine Analyse der Kundenstruktur, der Vertriebsarchitektur, der Personalabhängigkeiten, der technologischen Basis und der kulturellen Selbstverständlichkeiten des Hauses. Sie verlangt eine Vorstellung davon, welche dieser Elemente nach dem Eigentümerwechsel Bestand haben werden. Wenn der Vertrieb aus drei langjährigen Kundenbetreuern besteht, die ihre Beziehungen in dreißig Jahren aufgebaut haben, lautet die Antwort selten, dass in fünf Jahren dieselben Umsätze von denselben Personen produziert werden. Einer der drei wird in den Ruhestand gehen. Einer wird die neue Eigentümerstruktur nicht akzeptieren. Einer wird bleiben, aber nicht mehr mit derselben Energie auftreten. Die Struktur, die diese Umsätze trägt, ist fragiler, als die Zahlen glauben machen. Die Prüfung dieser Fragilität gehört in jede Due Diligence, die den Namen verdient. Sie findet heute noch zu selten statt, weil sie keine beauftragbare Disziplin hat. Sie liegt zwischen den Fächern, und deshalb wird sie gerne keinem zugewiesen. ## Menschen lesen als Handwerk Menschen lesen ist kein esoterischer Zusatz zur Finanzanalyse. Es ist ein Handwerk mit klaren Elementen. Das erste Element ist die Frage nach dem echten Motiv des Verkaufs. Ein Gründer, der aus gesundheitlichen Gründen verkauft, verhandelt anders als einer, der das Zyklushoch abpassen will, und beide verhandeln anders als einer, der einen Konflikt mit einem Mitgesellschafter beendet. Die echten Motive werden selten im ersten Gespräch benannt. Sie zeigen sich in Nebensätzen, in der Wahl der Berater, in der Eile oder Ruhe der Terminführung. Das zweite Element ist die Frage nach der Zeit nach dem Verkauf. Ein Verkäufer, der weiß, was er am Tag nach dem Closing tun wird, ist ein ruhigerer Verhandlungspartner als einer, der diese Frage nicht beantwortet hat. Das dritte Element ist die Beobachtung des Verhältnisses zur zweiten Führungsebene. Wenn der Gründer seine Führungskräfte in Besprechungen abwertet, wird der Käufer sie nach dem Closing nicht halten, unabhängig davon, was im Managementvertrag steht. Das vierte Element ist der Umgang mit Fehlern in der Firmengeschichte. Ein Gründer, der Fehler sauber benennen kann, hat Abstand zu seinem Werk. Ein Gründer, der jeden Fehler rechtfertigt, hat ihn nicht. Die Differenz ist keine Charakterfrage. Sie ist eine Risikoeinschätzung. ## Konsequenzen für die Praxis des Eigentümers Aus diesen Beobachtungen folgt eine unbequeme Konsequenz. Die wichtigste Prüfung einer Transaktion findet nicht im Datenraum statt, sondern im Gespräch. Sie verlangt Zeit, die moderne Prozesse nicht vorsehen. Sie verlangt Erfahrung, die sich in keiner Zertifizierung abbilden lässt. Sie verlangt Geduld, die bei konkurrierenden Bietern als Schwäche ausgelegt werden kann. Und dennoch ist sie die einzige Prüfung, die den Unterschied zwischen einem Kauf und einer Investition in Substanz ausmacht. Die zweite Konsequenz betrifft die Struktur der Post-Merger-Phase. Wer einen Gründer kauft, dessen Psychologie er gelesen hat, plant den Übergang in seiner Sprache. Die einen brauchen eine geordnete Verabschiedung mit öffentlicher Würdigung, andere brauchen eine Rolle im Beirat ohne operative Entscheidungsbefugnisse, wieder andere brauchen einen klaren Schnitt ohne lange Abschiedsphase. Ein Übergang, der die Psychologie des Verkäufers ignoriert, produziert Reibungen, die sich als Kulturbruch, Personalabgänge und Kundenabwanderung in der Gewinn- und Verlustrechnung niederschlagen. Ein Übergang, der sie respektiert, erzeugt Ruhe, und Ruhe ist in den ersten achtzehn Monaten nach einer Übernahme einer der unterschätzten Renditehebel. Die Disziplin, Menschen zu lesen, ist keine Alternative zur Bilanzanalyse, sondern ihre Fortsetzung mit anderen Mitteln. Eine Bilanz zeigt, was war. Ein Gespräch zeigt, was sein wird, wenn die Bedingungen kippen, die den bisherigen Zustand getragen haben. In reifen Märkten, in denen Preise zwischen den Bietern kaum mehr Differenzierung erlauben, ist diese zweite Analyse der eigentliche Wettbewerbsvorteil. Sie ist nicht delegierbar. Sie liegt bei dem Menschen, der nach dem Closing das Eigentum trägt, nicht bei dem Berater, der nach dem Closing die Akte schließt. Deshalb ist sie Aufgabe des Eigentümers. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) wiederholt in Rendite und Verantwortung den Gedanken, dass das Closing nicht das Ergebnis, sondern der Beginn der eigentlichen Arbeit ist. Wer diesen Gedanken ernst nimmt, bereitet die eigentliche Arbeit vor, indem er die Menschen versteht, die sie mittragen oder mitverhindern werden. Wer diesen Gedanken nicht ernst nimmt, kauft eine Bilanz und wundert sich, warum das Unternehmen danach ein anderes ist. Die Lehre, die aus zwei Jahrzehnten Beteiligungspraxis bleibt, ist von bescheidener Klarheit. Zahlen lügen selten, aber sie erzählen nur einen Teil der Geschichte. Der andere Teil steht in Menschen, und er wird denen zugänglich, die sich die Zeit nehmen, zuzuhören, bevor sie unterschreiben.

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Author: Dr. Raphael Nagel (LL.M.). Biografie