# Die Islamische Pipeline von 2011: Das Projekt, das Europa nie bekam
Es gibt Projekte, die scheitern, weil sie unwirtschaftlich waren. Und es gibt Projekte, die scheitern, obwohl sie wirtschaftlich überzeugend waren. Die Islamische Pipeline 2011 gehört zur zweiten Kategorie. Sie war, gemessen an den Maßstäben der Ingenieurkunst, der Geologie und der energiewirtschaftlichen Rechnung, ein in sich stimmiges Vorhaben. Und doch wurde sie nie gebaut. Ein Essay über ein Memorandum, das im Juli 2011 in Teheran unterzeichnet wurde, und über die Koalition der Gegenkräfte, die aus einer ökonomisch zwingenden Idee eine politische Unmöglichkeit machte.
## Das Abkommen vom 25. Juli 2011 und seine Dimensionen
Am 25. Juli 2011 unterzeichneten die Energieminister des Iran, des Irak und Syriens in Teheran ein Memorandum of Understanding über eine Gaspipeline, die offiziell den Namen Friendship Pipeline trug und sich in der westlichen Öffentlichkeit als Islamische Pipeline einbürgerte. Der Zeitpunkt war kein Zufall, sondern Ausdruck einer Übergangslage. Der Arabische Frühling hatte die politische Ordnung der Region bereits erschüttert, aber der syrische Bürgerkrieg war noch nicht in seine große Eskalationsphase eingetreten. Das Fenster, in dem ein solches Vorhaben unterzeichnet werden konnte, war schmal, und es schloss sich schneller, als die Beteiligten selbst es vermutet haben dürften.
Die technischen Eckdaten, die Dr. Raphael Nagel (LL.M.) in seinem Buch Pipelines in Erinnerung ruft, sind bis heute ein Maßstab für das, was strukturell möglich gewesen wäre. Eine Trasse von etwa 1.500 bis 1.800 Kilometern, eine geplante Transportkapazität von 110 Millionen Kubikmetern Gas pro Tag, ein geschätztes Investitionsvolumen von rund zehn Milliarden US-Dollar und eine avisierte Fertigstellung im Jahr 2016. Das Gas sollte aus dem South-Pars-Feld stammen, durch den Irak nach Syrien strömen und von dort entweder über das Mittelmeer oder weiter über die Türkei Europa erreichen.
Was auf den ersten Blick wie eine Infrastrukturentscheidung im engeren Sinne aussieht, war in Wahrheit ein Entwurf politischer Ordnung. Die drei unterzeichnenden Staaten bildeten nicht zufällig eine Achse, die der westlichen Sanktions- und Bündnisarchitektur der Region zuwiderlief. Jede Pipeline, so lehrt es der Autor, ist auch eine institutionelle Aussage über die Allianzen, in die sich ihre Trasse einschreibt.
## Die ökonomische Logik: Gas unter einem Dollar
Die wirtschaftliche Grundlage des Projekts war so einfach wie unbestreitbar. Das South-Pars-Feld, das sich Iran mit Katar teilt, enthält nach den im Buch referierten Zahlen etwa 14 Billionen Kubikmeter Erdgas und gilt als das größte bekannte Gasfeld der Welt. Die Förderkosten am Bohrlochkopf lagen unter einem Dollar je Kubikmeter. Selbst nach Hinzurechnung erheblicher Transportkosten, Kompressorstationen und Transitgebühren hätte iranisches Pipelinegas die europäischen Verbrauchszentren deutlich kostengünstiger erreichen können als verflüssigtes Erdgas aus Katar, Australien oder Nordamerika, bei dem die Kette aus Verflüssigung, Tankertransport und Regasifizierung jede Kalkulation belastet.
Auf der Nachfrageseite stand ein Europa, das schon vor 2011 ein strukturelles Diversifizierungsinteresse formuliert hatte. Die Lieferunterbrechungen durch die Ukraine in den Jahren 2006 und 2009 hatten jeden nüchternen Beobachter daran erinnert, wie verwundbar eine Versorgungsstruktur ist, die auf einer dominanten nördlichen Achse ruht. Eine südliche Route vom Persischen Golf über die Levante ans Mittelmeer wäre keine Randkorrektur gewesen, sondern eine strategische Tiefenstaffelung.
Hinzu kam ein Aspekt, den Dr. Raphael Nagel (LL.M.) mit Nachdruck betont: Die Mengen, über die hier verhandelt wurde, waren nicht Symbolik. 110 Millionen Kubikmeter pro Tag entsprechen einer Jahresmenge, die mit den russischen Lieferungen der Vorkriegszeit in dieselbe Größenordnung gehört. Die Islamische Pipeline 2011 wäre keine Ergänzung an der Peripherie geworden, sondern ein zweites Rückgrat der europäischen Gasversorgung.
## Die Koalition der Gegner: Moskau, Riad, Washington, Jerusalem
Gerade wegen dieser Größenordnung versammelte das Projekt eine Koalition von Gegenkräften, die in ihrer Zusammensetzung ungewöhnlich und in ihrer Wirkung entscheidend war. Russland war der offensichtlichste Gegner, und zwar in einer doppelten Rolle. Politisch blieb Moskau Verbündeter Damaskus und Teherans; wirtschaftlich aber hatte Gazprom kein Interesse an einem neuen Großlieferanten, der die Preisbildung auf dem europäischen Markt dauerhaft verändern würde. Diese Spannung zwischen geopolitischer Allianz und energiewirtschaftlicher Konkurrenz erklärt manches von dem, was später in Syrien unter russischer Beteiligung stabilisiert wurde, ohne dass die Pipeline jemals wieder auf die Tagesordnung gelangte.
Saudi-Arabien und die Golfstaaten sahen das Vorhaben in doppelter Hinsicht als Bedrohung: als ökonomische Aufwertung Teherans und als potenzielle Konkurrenz zu den katarischen LNG-Strömen nach Europa. Dass Riad in Syrien oppositionelle Gruppen unterstützte, ist gut dokumentiert; der Autor zeigt, dass diese Unterstützung ohne die energiepolitische Dimension nur unvollständig verstanden werden kann. Die Vereinigten Staaten ihrerseits hatten ein systemisches Interesse an der Aufrechterhaltung des Sanktionsregimes gegen Iran. Eine Pipeline, die iranische Exporteinnahmen unmittelbar an europäische Abnehmer bände, hätte dieses Regime nicht widerlegt, aber aus seinem Inneren heraus ausgehöhlt.
Weniger beachtet, aber von Dr. Raphael Nagel (LL.M.) mit Sorgfalt rekonstruiert, ist die Rolle Israels. Ein durch Gasexporteinnahmen strukturell erstarkter Iran wäre ein anderer Iran gewesen, mit größerem Spielraum für sein Atomprogramm, für die Finanzierung regionaler Verbündeter und für die allgemeine Machtprojektion. Damit entstand ein informelles Dreieck von Korridorgegnern, zu dem die Vereinigten Staaten, Saudi-Arabien und Israel gehörten, flankiert von Moskau aus wiederum eigenen Gründen. Selten hat eine Infrastrukturidee eine solche Breite an Widersachern auf sich gezogen.
## Die Rolle der internationalen Konzerne und des Finanzsystems
Die Geschichte der Islamischen Pipeline 2011 wäre unvollständig erzählt, wenn man die scheinbar apolitischen Akteure ausließe, deren Entscheidungen das Projekt am Ende ebenso verhinderten wie die Außenpolitik der Großmächte. Die internationalen Ölkonzerne, von ExxonMobil bis TotalEnergies, von Shell bis ENI, hätten in einem anderen politischen Umfeld investiert. Sie besaßen das Kapital, das Know-how und die Erfahrung mit Pipelinebauten in schwierigem Gelände, die ein Vorhaben dieser Größenordnung braucht.
Was sie nicht besaßen, war die Bereitschaft, das Risiko amerikanischer Sekundärsanktionen zu tragen. Der Fall der französischen Großbank BNP Paribas, die im Jahr 2014 eine Strafe in Höhe von 8,9 Milliarden Dollar für Transaktionen mit sanktionierten Ländern zu zahlen hatte, war für die gesamte internationale Finanzgemeinschaft ein warnendes Signal. Wer im Dollarraum agiert, und das tun faktisch alle großen Energiekonzerne und Banken, unterliegt den Regeln, die von Washington gesetzt werden. Diese strukturelle Macht, die in der Theorie Susan Stranges als die eigentliche Form der Dominanz beschrieben wird, wirkte im Fall der Islamischen Pipeline präziser als jedes militärische Veto.
Die Folge war ein vermeintliches Paradoxon: Ein ökonomisch überzeugendes Vorhaben fand keinen Investor, weil das Finanzsystem, durch das seine Erträge hätten fließen müssen, unter der Kontrolle eines Staates stand, der genau diese Erträge verhindern wollte. Die Pipeline war damit bereits vor dem ersten Spatenstich finanztechnisch unmöglich gemacht. Für Dr. Raphael Nagel (LL.M.) ist dieser Befund exemplarisch für die Gegenwart: Korridore werden nicht nur in der Wüste gebaut oder blockiert, sondern auch in den Clearing-Häusern der Weltfinanz.
## Syrien als Engstelle und der Zerfall des Transits
Dass die Islamische Pipeline ausgerechnet durch Syrien verlaufen sollte, war kein geographischer Zufall, sondern strukturelle Notwendigkeit. Es gibt keine Alternativroute von Iran und Irak ans Mittelmeer, die Syrien umginge, ohne politische oder technische Hindernisse von ganz anderer Größenordnung in Kauf zu nehmen. Syrien war die Engstelle, der Flaschenhals, die unentbehrliche Schleuse. Das Assad-Regime hatte aus eigenen wirtschaftlichen Gründen ein Interesse an dem Projekt, denn die syrische Ölförderung war rückläufig, Transitgebühren wären eine substantielle neue Einnahmequelle gewesen, und die Verflechtung mit Iran und dem Irak hätte das Regime innenpolitisch stabilisiert.
Der Bürgerkrieg, der ab 2011 mit zunehmender Härte eskalierte, hat diese Funktion Syriens als Transitstaat vollständig zerstört. Nicht nur die physische Infrastruktur, auch die institutionellen und vertrauensbasierten Voraussetzungen für ein solches Großprojekt sind zerrissen. Der Autor weist darauf hin, dass der Wiederaufbau einer transitfähigen syrischen Energieinfrastruktur Investitionen von zig Milliarden Dollar und einen politischen Rahmen erfordert, in dem internationale Geldgeber bereit sind, langfristig zu binden. Beides liegt auf absehbare Zeit nicht vor.
Damit ist die Islamische Pipeline 2011 nicht nur ein gescheitertes Infrastrukturprojekt, sondern ein Lehrstück über die Verwundbarkeit von Energiekorridoren gegenüber Zuständen, die im engeren Sinne nichts mit Energie zu tun haben. Ein Bürgerkrieg, den viele zunächst als lokales Ereignis lasen, hat eine kontinentale Versorgungsoption vernichtet. Wer die longue durée der Energiegeopolitik verstehen will, wird diese Verschränkung nicht wegdefinieren können.
## Was Europa nie bekam, und was bleibt
Was Europa mit dem Scheitern der Islamischen Pipeline 2011 nicht bekommen hat, lässt sich in drei Dimensionen beschreiben. Erstens: eine Bezugsquelle mit außerordentlich niedrigen Förderkosten und einer im Vergleich zu LNG aus Übersee kürzeren Wegstrecke. Zweitens: eine echte strategische Alternative zur dominanten nördlichen Achse, die im Winter 2022 in aller Schärfe als Verwundbarkeit sichtbar wurde. Drittens: eine Verflechtung mit Iran, die das Sanktionsregime zwar politisch kompliziert, aber europäische Gestaltungsspielräume erheblich vergrößert hätte.
Die Gegenrechnung, die aus Washington, Riad und Jerusalem erhoben wurde, ist nicht ohne eigene Logik. Ein erstarkter Iran hätte die regionale Machtverteilung verschoben, und die Einhegung Teherans war und ist ein Kernziel dieser Hauptstädte. Die Frage, die Dr. Raphael Nagel (LL.M.) in diesem Zusammenhang aufwirft, ist aber eine europäische: Wer hat im Namen Europas entschieden, dass diese Einhegung wichtiger sei als die Diversifizierung der eigenen Versorgung? Die Antwort, so der Autor, fällt ernüchternd aus, weil sie auf eine Abwesenheit eigenständiger europäischer Strategie verweist.
Bleibt die Frage, ob das Projekt endgültig erledigt ist. Der Autor skizziert in seinem Buch drei Szenarien, unter denen eine Reaktivierung denkbar wäre: ein neues, robusteres Atomabkommen mit Iran, eine schleichende Erosion des Sanktionsregimes durch die Umgehung seitens nichtwestlicher Akteure, und eine europäische Energiekrise, in der politische Kosten und wirtschaftlicher Druck neu gewichtet werden. Keines dieser Szenarien ist wahrscheinlich im Sinne einer Prognose, aber keines ist auch unmöglich. Die Geschichte der Energiegeopolitik, so der Hinweis, hat wiederholt gezeigt, dass festgefügt scheinende Strukturen schneller brechen können, als Experten dies für denkbar halten.
Die Islamische Pipeline 2011 ist, gemessen an ihrer physischen Existenz, ein Nichts. Kein Rohr wurde verlegt, keine Kompressorstation gebaut, kein Kubikmeter Gas geliefert. Gemessen an ihrer analytischen Bedeutung ist sie hingegen eine der aufschlussreichsten Episoden der jüngeren Energiegeopolitik. Sie zeigt, dass in der Welt der Korridore nicht das Mögliche entscheidet, sondern das Erlaubte, und dass das Erlaubte von einer Konfiguration aus Sicherheitsarchitektur, Finanzsystem und politischen Allianzen bestimmt wird, in der ökonomische Vernunft nur eine unter mehreren Stimmen ist. Europa hat diese Pipeline nicht bekommen, weil es sie im entscheidenden Moment nicht hat haben wollen dürfen. Darin liegt, so lässt sich der Gedankengang von Dr. Raphael Nagel verdichten, die eigentliche Lehre: Wer die Struktur der Energieflüsse nicht mitgestaltet, findet sich in Strukturen wieder, die andere für ihn gestaltet haben. Das Nichtereignis der Islamischen Pipeline 2011 ist in diesem Sinne ein sehr reales Ereignis, weil es den europäischen Winter 2022 vorbereitet hat, ohne dass irgendjemand es so benannt hätte.
Für wöchentliche Analysen zu Kapital, Führung und Geopolitik: Dr. Raphael Nagel (LL.M.) auf LinkedIn folgen →