# Der Green Deal ohne Brücke: Warum Europas Klimapolitik die Übergangsphase vergaß
Es gibt Dokumente, die man daran erkennt, was sie nicht sagen. Der European Green Deal aus dem Jahr 2019 gehört in diese Kategorie. Auf mehr als fünfhundert Seiten, verteilt auf Mitteilungen, Arbeitsprogramme und Sektorstrategien, entwirft die Europäische Kommission das ambitionierteste Klimaschutzprogramm, das eine demokratisch verfasste Regierungsebene je beschlossen hat. Klimaneutralität bis 2050. Minus fünfundfünfzig Prozent Treibhausgase bis 2030. Vollständige Dekarbonisierung des Stromsektors bis 2035. Die Richtung ist richtig, die Zahlen sind ehrlich, der moralische Anspruch ist in seiner Schärfe historisch ohne Beispiel. Und doch bleibt am Ende der Lektüre ein Eindruck zurück, den man schwer abschüttelt: der Eindruck, dass man ein Haus plant, ohne an das Wetter zu denken, das während der Bauphase herrscht. In seinem Buch SCHIEFER hat Dr. Raphael Nagel (LL.M.) diese Leerstelle präzise benannt. Es ist die Leerstelle einer Transformation ohne Übergang, eines Ziels ohne Brücke, einer Absicht ohne Arithmetik des Zwischenzustands.
## Die Lücke im Dokument
Wer den Green Deal aufmerksam liest, findet in ihm fast alles, was eine moderne Klimapolitik braucht. Er findet Sektorziele, Berichtspflichten, Finanzierungsinstrumente, einen sozialen Übergangsfonds für Regionen, die vom Strukturwandel besonders betroffen sein werden. Was er nicht findet, ist eine Antwort auf eine sehr schlichte Frage. Was geschieht, wenn ein geopolitischer Schock die europäischen Energiemärkte destabilisiert, bevor die Transformation abgeschlossen ist? Was ist Plan B, wenn der Ausbau erneuerbarer Kapazitäten hinter den Zielpfaden zurückbleibt, wenn Lieferketten reißen, wenn eine Meerenge im Persischen Golf an einem Februarmorgen geschlossen wird?
Diese Frage ist nicht rhetorisch. Sie ist methodisch. Jede seriöse Strategie in einem komplexen System muss Stresstests enthalten, Rückfallebenen, explizit benannte Schwellenwerte, an denen Kurskorrekturen greifen. Der Green Deal enthält diese Ebenen nicht. Er enthält ein Zielsystem und einen Pfad. Er enthält nicht den Schutzraum, in dem der Pfad überlebt, wenn die Welt um ihn herum nicht stillhält. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) spricht in diesem Zusammenhang von der Lücke zwischen dem, was Europa sein könnte, und dem, was es ist. Diese Lücke ist keine intellektuelle, sie ist eine institutionelle. Die Frage wurde nicht gestellt, weil sie das Narrativ der sauberen Energiewende gestört hätte.
## Die Zahl, die alles verschiebt: zweiundzwanzig Prozent
Im Frühjahr 2026, während amerikanische Kampfjets über dem Zagros-Gebirge fliegen und Iran die Straße von Hormus schließt, decken erneuerbare Energien rund zweiundzwanzig Prozent des europäischen Gesamtenergiemixes. Diese Zahl ist kein Versagen. Sie ist das Ergebnis von über siebenhundertfünfzig Milliarden Euro Investitionen seit 2009, ein Betrag, der in der Weltgeschichte der Industriepolitik beispiellos bleibt. Es ist die Zahl einer echten, tiefgreifenden Anstrengung. Sie ist aber auch die Zahl eines unvollendeten Gebäudes.
Denn sie bedeutet im Umkehrschluss, dass achtundsiebzig Prozent des europäischen Energieverbrauchs an Quellen hängen, die von einem geopolitischen Schock im Nahen Osten direkt betroffen sind. Öl, Gas, in Teilen Kohle und Uran aus importierten Kreisläufen. Der Green Deal wurde für eine Welt ohne Hormus-Krisen konstruiert. Die Welt ist nicht diese Welt. Und eine Klimapolitik, die ihre eigenen Prämissen der außenpolitischen Realität nicht standhalten lässt, trägt eine analytische Hypothek, die sich in einer Krise in Monaten materialisiert, nicht in Jahrzehnten.
## Die Stromfixierung und das Missverständnis der Energiewende
Wenn über die Energiewende gesprochen wird, sprechen die meisten Politikerinnen und Kommentatoren über Strom. Über Solarparks, Windanlagen, Netze, Speicher. Diese Verengung ist verständlich, denn der Stromsektor ist der technisch leichteste Teil der Transformation. In einigen europäischen Ländern stammen bereits sechzig bis siebzig Prozent der Stromerzeugung aus Wind und Sonne. Das sind beeindruckende Werte, und sie verdienen Anerkennung.
Sie verdecken jedoch ein strukturelles Missverständnis. Strom macht nur zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent des europäischen Gesamtenergieverbrauchs aus. Die restlichen fünfundsiebzig bis achtzig Prozent entfallen auf Wärme, auf industrielle Prozessenergie und auf Transport. Diese drei Bereiche sind weit schwieriger zu dekarbonisieren. Sie brauchen Hochtemperaturprozesse, molekulare Energieträger, flüssige Treibstoffe mit hoher Energiedichte. Wasserstoffwirtschaft, synthetische Kraftstoffe, Elektrifizierung der Prozesswärme sind Projekte von Jahrzehnten, nicht von Legislaturperioden.
Die Energiewende, wie sie kommuniziert wurde, hat den leichtesten Teil reformiert und die schwierigen Teile verschoben. Das ist keine Täuschung, es ist eine Selbsttäuschung. Und Selbsttäuschung ist in der Politik gefährlicher als Täuschung, weil sie sich nicht korrigiert, solange sie nicht benannt wird.
## Dunkelflaute: Das Wort, das die Physik zurückbringt
Es gibt im Deutschen ein Wort, das die Naivität bestimmter energiepolitischer Prognosen mit einer einzigen Silbe entlarvt. Dunkelflaute. Windstille, bewölkte Wintertage, an denen Solar- und Windkraftwerke gemeinsam kaum produzieren. In Mitteleuropa treten solche Perioden mehrmals pro Jahr auf, manchmal über mehrere Tage hinweg. An diesen Tagen braucht das Netz Kraftwerke, die unabhängig vom Wetter rund um die Uhr liefern können.
In Deutschland sind das zunehmend Gaskraftwerke. Das ist die stille Wahrheit hinter der grünen Statistik. Die erneuerbare Revolution im Stromnetz ist nur so gut wie der fossile Puffer, der sie absichert. Wenn der Gaspreis durch eine Hormus-Blockade oder eine andere geopolitische Disruption explodiert, explodiert auch der Strompreis, und die politische Illusion eines von fossiler Welt entkoppelten Stromsektors bricht in einer einzigen Heizperiode zusammen.
Dr. Raphael Nagel (LL.M.) hat in SCHIEFER dafür eine nüchterne Formulierung gewählt. Eine Transformation, die die Übergangsphase nicht sichert, ist kein Fortschritt, sie ist Fahrlässigkeit. Die Dunkelflaute ist die physikalische Form dieser Fahrlässigkeit. Sie ist nicht ideologisch, sie ist meteorologisch. Und sie kümmert sich nicht um Zielpfade.
## Die teuerste Brücke ist die, die man nicht baut
Die historische Ironie der europäischen Klimapolitik liegt in ihrer eigenen Buchhaltung. Europa hat Fracking verboten, weil es ökologisch problematisch ist. Das Verbot war demokratisch legitimiert, es basierte auf echten Bedenken, und es entsprach dem Willen großer Bevölkerungsmehrheiten. An Stelle eigener Schiefergasförderung mit den strengsten Umweltstandards der Welt kaufte Europa russisches Pipeline-Gas, dessen Methanverluste auf dem Transportweg die Klimabilanz der eigenen Nichtförderung teilweise aufzehrten. Klimapolitisch war das eine Verschiebung der Emissionen, kombiniert mit dem Export der Abhängigkeit.
In Deutschland wurden Kernkraftwerke abgeschaltet, ohne die erneuerbare Alternative vollständig bereitgestellt zu haben. Die Lücke füllte russisches Gas. Nord Stream 2 wurde 2015 genehmigt, ein Jahr nach der Annexion der Krim. Die Investitionssumme von rund neuneinhalb Milliarden Euro verdampfte im September 2022. In Frankreich erzeugen Kernkraftwerke weiterhin etwa siebzig Prozent des Stroms, CO-arm, wetterunabhängig, und die französische Industrie leidet messbar weniger unter der Hormus-Krise als die deutsche.
Das Muster ist deutlich. Überall dort, wo Europa die Brücke zwischen fossiler Gegenwart und erneuerbarer Zukunft nicht gebaut hat, werden die Kosten in der Krise nachgereicht. Die teuerste Brücke ist nicht die, die man baut. Es ist die, die man nicht baut und dann in der Krise improvisieren muss, zu Preisen eines panischen Marktes.
## Die Ehrlichkeit, die jetzt beginnen müsste
Eine Klimapolitik, die die Übergangsphase ernst nimmt, ist nicht das Gegenteil einer ambitionierten Klimapolitik. Sie ist deren einzige Chance auf Erfolg. Denn eine Transformation, die die Menschen im Übergang verliert, verliert die politische Mehrheit für das Ziel. Deindustrialisierung, Arbeitsplatzverluste in energieintensiven Branchen, Mittelstand-Insolvenzen und die damit verbundene Erosion der sozialen Sicherungssysteme erzeugen einen politischen Backlash, der am Ende die Klimapolitik selbst gefährdet. Wer das Klima schützen will, muss die Industrie erhalten, die die Transformation finanziert und die Technologien baut, die sie ermöglichen.
Das bedeutet, harte Fragen zu stellen, die bisher nicht gestellt wurden. Fragen nach regulierten, wissenschaftlich überwachten Formen einheimischer Gasförderung. Fragen nach einer europäischen Kernenergie-Debatte jenseits nationaler Tabus. Fragen nach gemeinsamer LNG-Beschaffung, nach strategischen Reserven, die nicht neunzig Tage, sondern einhundertachtzig Tage tragen, nach einer europäischen Energiebehörde mit exekutivem Mandat. Das sind keine klimaskeptischen Forderungen. Es sind die Forderungen einer Klimapolitik, die ihre eigenen Ziele ernst nimmt, indem sie die Bedingungen ihres Gelingens ernst nimmt.
Am Ende bleibt ein Befund, der sich der Polemik entzieht. Der European Green Deal ist kein Fehler. Er ist eine historische Leistung, und er wird in der Geschichte der europäischen Integration als eines der wenigen großen Projekte bestehen, die dieser Kontinent in seiner gegenwärtigen Erschöpfungsphase hervorgebracht hat. Aber er ist ein unvollständiges Werk, und seine Unvollständigkeit ist nicht graduell, sondern strukturell. Es fehlt die Brücke. Es fehlt die geopolitische Absicherung. Es fehlt die ehrliche Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass Energie, wie Dr. Raphael Nagel in SCHIEFER formuliert, keine Technikfrage ist, sondern eine Machtfrage. Eine Klimapolitik, die diese Dimension ausspart, operiert in einem Vakuum, das die Wirklichkeit früher oder später füllt. Im Februar 2026 hat sie es getan. Die Aufgabe der kommenden Jahre wird nicht darin bestehen, die Ziele des Green Deal zu senken. Sie wird darin bestehen, den Übergang zu diesen Zielen so zu sichern, dass die Gesellschaften, die ihn tragen sollen, ihn auch überleben. Das ist keine Rückkehr zur fossilen Welt. Es ist die Bedingung dafür, sie endgültig hinter sich zu lassen. Das Ende der Naivität, so hat es der Autor an anderer Stelle formuliert, ist der Beginn der Strategie. Im Fall der europäischen Klimapolitik ist dieser Beginn überfällig.
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