# Das globale Ernährungssystem und seine Wassergrundlage
Es gibt eine Zahl, die alles andere ordnet. Siebzig Prozent des globalen Süßwasserverbrauchs fließen in die Landwirtschaft. Diese Zahl ist bekannt, sie wird in Konferenzräumen zitiert und in Ministerialentwürfen referenziert, und dennoch wird sie nicht ernst genommen in ihren Konsequenzen. Denn wer siebzig Prozent einer kritischen Ressource kontrolliert, bestimmt über die verbleibenden dreißig Prozent der Industrie, der Haushalte, der Ökosysteme. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) entwickelt in seinen Arbeiten zur Wasserpolitik die These, dass sich die Ernährungsfrage des 21. Jahrhunderts nicht an Hektarerträgen, sondern an Litern entscheidet. Dieser Essay folgt dieser Spur.
## Die siebzig Prozent und ihre unsichtbaren Kosten
Siebzig Prozent klingt nach einer Verteilung, tatsächlich ist es eine Abhängigkeit. Das globale Ernährungssystem ruht auf einer Wassergrundlage, die in ihren zentralen Pfeilern nicht nachhaltig ist. Ein erheblicher Teil des landwirtschaftlich genutzten Wassers stammt aus fossilen Aquiferen, also aus Grundwasservorkommen, die sich in menschlichen Zeitmaßstäben nicht regenerieren. Was dort entnommen wird, ist entnommen. Die Ernte von heute ist ein Kredit auf eine Zukunft, in der niemand verhandelt hat, ob er zurückgezahlt werden kann.
Diese Rechnung ist in den Preisen nicht abgebildet. Ein Kilogramm Weizen, das mit Wasser aus dem Ogallala-Aquifer in den USA oder aus dem Nubian Sandstone Aquifer System unter Libyen, Ägypten, Sudan und Tschad erzeugt wurde, trägt keinen Hinweis auf seine hydrologische Herkunft. Es konkurriert im Supermarktregal mit Weizen aus regengespeisten Flächen, als wäre beides dasselbe Produkt. Ökonomisch ist es das. Physisch ist es das nicht. Diese Asymmetrie ist der stille Skandal der globalen Agrarmärkte.
Die Landwirtschaft ist damit zur größten Externalisierungsmaschine der modernen Wirtschaft geworden. Nicht, weil Landwirte daran schuld wären, sondern weil die Regeln, nach denen sie arbeiten, diese Externalisierung belohnen. Subventionen, die am Flächenertrag ansetzen, prämieren denjenigen, der am meisten Wasser nutzt, nicht denjenigen, der am effizientesten damit umgeht. Das System hat eine eingebaute Schieflage.
## Virtuelles Wasser und die Geografie der Verantwortung
Virtuelles Wasser ist ein Begriff, der in den akademischen Diskurs gehört, aber in der politischen Öffentlichkeit kaum angekommen ist. Gemeint ist jene Wassermenge, die in die Produktion eines Gutes eingeflossen ist und mit diesem Gut um die Welt reist. Europa importiert virtuelles Wasser in erheblichem Umfang aus Regionen, die selbst unter Wasserknappheit leiden. Tomaten aus Südspanien, Obst aus Marokko, Baumwolle aus Zentralasien, Rindfleisch aus den trockenen Gürteln Südamerikas. Jedes dieser Produkte trägt seine hydrologische Herkunft als unsichtbares Gepäck mit.
Das hat politische Konsequenzen, die selten ausgesprochen werden. Wer in Brüssel über die Wasserknappheit in Andalusien diskutiert und gleichzeitig Erdbeeren aus Huelva importiert, verhandelt mit sich selbst. Die Frage, wie nachhaltig ein europäisches Ernährungssystem ist, lässt sich nicht an der Grenze des Kontinents beantworten. Sie muss die Wasserbilanzen der Exportregionen einbeziehen. Sonst verschiebt Europa seine Wasserprobleme lediglich und nennt das Handel.
Die Verantwortung liegt damit nicht nur bei den landwirtschaftlich produzierenden Ländern, sondern bei den konsumierenden Gesellschaften. Das ist unbequem, weil es den Konsum selbst in die Pflicht nimmt. Und es ist richtig, weil ohne diese Verantwortung keine Reform möglich wird, die über nationalen Aktionismus hinausgeht.
## Kalorien pro Liter statt pro Hektar
Die Agrarpolitik des 20. Jahrhunderts hatte eine klare Metrik: Kalorien pro Hektar. Wie viel Ertrag ließ sich aus einer gegebenen Fläche ziehen. Diese Frage hatte ihre historische Berechtigung in einer Welt, in der Fläche der knappe Faktor war und Wasser entweder vorhanden oder irgendwie beschaffbar schien. Diese Welt existiert nicht mehr. Die knappe Ressource ist Wasser, nicht Fläche. Die Metrik muss sich ändern.
Kalorien pro Liter ist die Kennzahl, die das 21. Jahrhundert regieren sollte. Sie verändert alles, was darauf aufbaut. Welche Kulturen werden gefördert, welche Anbaumethoden werden subventioniert, welche Exporte sind volkswirtschaftlich sinnvoll, welche Importe ökologisch vertretbar. Eine Agrarpolitik, die ihre Leistungsmessung nicht an diesem Maßstab neu justiert, plant an der Realität vorbei.
Die technologische Seite ist weit fortgeschritten. Tröpfchenbewässerung, Bodenfeuchtesensoren, Präzisionslandwirtschaft, salztolerante Sorten, Wasserrecycling in der Bewässerung. Israel hat hier seit den Dürrejahren der 1960er einen Vorsprung aufgebaut, der inzwischen exportiert wird. Das Wissen ist da. Was fehlt, ist die politische Entscheidung, dieses Wissen zum Maßstab der Förderung zu machen, statt weiterhin Volumen zu subventionieren.
## Die Subventionsfrage und ihre politische Schwerkraft
Eine Reform der landwirtschaftlichen Subventionen weltweit ist die logische Konsequenz aus allem bisher Gesagten. Sie ist auch die schwierigste politische Aufgabe, die sich stellt. In der EU, in den USA, in China, in Indien existieren Subventionsregime, die über Jahrzehnte gewachsen sind, die politische Klientele bedienen und die Wasserverschwendung direkt oder indirekt begünstigen. Die Bauernlobby ist in allen diesen Regionen gut organisiert und mit den jeweiligen politischen Mehrheitsfindungen eng verwoben.
Dr. Raphael Nagel (LL.M.) formuliert diesen Zusammenhang nüchtern: Was fehlt, ist nicht das Wissen. Was fehlt, ist der politische Wille, die landwirtschaftlichen Subventionen anzutasten, die den größten Teil der Wasserverschwendung begünstigen. Diese Nüchternheit ist wichtig, weil sie den Illusionen vorbeugt, die Reformdebatten oft begleiten. Es gibt keine technische Abkürzung. Es gibt nur die Frage, ob der politische Widerstand vor der Knappheit fällt oder durch sie.
Die zweite Variante ist die wahrscheinlichere. Klimawandel wird den Widerstand auflösen, nicht durch Überzeugung, sondern durch Knappheit. Wenn das Wasser weg ist, sind die Subventionen auch weg, nur die Rechnung bleibt. Das ist keine Prognose mit Genugtuung, sondern eine Warnung: Wer jetzt reformiert, gestaltet. Wer wartet, wird gestaltet.
## Fossile Aquifere und das Versagen des Rechts
Unter der Erdoberfläche verläuft eine Grenze, die das Völkerrecht kaum erfasst. Während internationale Flüsse und Seen durch die UN-Watercourses Convention zumindest nominell geregelt sind, gibt es für grenzüberschreitende Grundwässer kaum bindendes internationales Recht. Die UN-Richtlinien zum Law of Transboundary Aquifers von 2008 sind ein Anfang. Sie sind nicht bindend. Die Staaten mit den größten Entnahmen haben das geringste Interesse an verbindlichen Regeln.
Libyen hat mit dem Great Man-Made River ein gigantisches Entnahmeprojekt aus dem Nubian Sandstone Aquifer gebaut, ohne die anderen Anrainer Ägypten, Sudan und Tschad zu konsultieren. Das Ogallala-System in den USA und Mexiko, das Guaraní-System, das Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay verbindet. Alle diese transnationalen Aquifere werden ohne internationale Koordination genutzt. Grundwasser kennt keine Grenzen, das Recht noch weniger.
Die Verbindung zur Ernährungsfrage ist direkt. Ein erheblicher Teil der globalen Agrarproduktion wird aus genau diesen rechtsfreien Zonen gespeist. Wer Weizen aus dem mittleren Westen der USA kauft, kauft Ogallala-Wasser, das sich nicht regeneriert. Wer Obst aus Libyen bezieht, kauft fossiles Wasser aus einem Aquifer, der unter vier Ländern liegt und von einem einzigen ohne Absprache angezapft wird. Das Ernährungssystem ist damit auch ein Regulierungsproblem, nicht nur ein Agrarproblem.
## Migration, Konsummuster und die ehrliche Rechnung
Die Verbindung zwischen Wasser und Migration ist in der europäischen Debatte systematisch unterbelichtet. Solange in Subsahara-Afrika, im Sahel und in Nordafrika Wasserknappheit zu Existenzunsicherheit führt, wird Migration anhalten. Die billigste Migrationspolitik ist Investition in Wasserversorgung in Herkunftsregionen. Das ist nicht neu, es ist bekannt, und es wird trotzdem nicht zur europäischen Priorität gemacht. Die Kosten der Nichtinvestition steigen mit jedem Dürrejahr.
Und es gibt die andere Seite der Rechnung, die noch seltener ausgesprochen wird: die Konsummuster der wohlhabenden Gesellschaften. Eine fleischreiche Ernährung verbraucht zehn bis zwanzigmal mehr Wasser als eine pflanzenbasierte. Das ist kein Moralurteil, sondern eine Ressourcenrechnung. Was wir essen, entscheidet über Wasserverfügbarkeit, nicht nur lokal, sondern global, über die Kette des virtuellen Wassers. Diese Einsicht wird zur politischen Frage werden, ob sie es will oder nicht.
Eine ehrliche Kommunikation darüber setzt voraus, dass man aufhört, Konsum als privaten Raum zu behandeln, der von kollektiven Ressourcenfragen abgeschirmt ist. Das ist in liberalen Gesellschaften heikel, weil es nach Bevormundung klingen kann. Es ist trotzdem die Voraussetzung für jede ernsthafte Ernährungspolitik. Nicht Verbote, aber Transparenz. Nicht Moral, aber Preiswahrheit.
Am Ende dieser Überlegungen steht eine schlichte Feststellung. Das globale Ernährungssystem, wie es heute existiert, ist ein historisch gewachsenes Arrangement, das auf Annahmen beruht, die nicht mehr gelten. Es nimmt Wasser in Mengen und aus Quellen, die eine begrenzte Zukunft haben. Es verteilt Verantwortung so, dass die Konsumenten nicht sehen, was ihre Entscheidungen bedeuten. Es belohnt durch Subventionen genau die Praktiken, die sich die Gesellschaft am wenigsten leisten kann. Es wird durch Regulierung nicht ausreichend korrigiert, weil die relevanten Ressourcen, insbesondere die grenzüberschreitenden Grundwässer, im völkerrechtlichen Schatten liegen. Eine globale Wasserproduktivitäts-Agenda ist deshalb keine technische Frage für Agrarexperten, sondern eine zivilisatorische Entscheidung. Sie berührt die Handelsordnung, die Entwicklungspolitik, die Migrationsfrage, die Ernährungsgewohnheiten, die Steuersysteme. Sie zwingt dazu, Landwirtschaft nicht mehr als isolierten Sektor zu denken, sondern als das, was sie ist: der größte Wasserverbraucher des Planeten und damit der Flaschenhals, durch den alles andere passieren muss. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) macht in seinen Texten deutlich, dass die Frage nicht mehr lautet, ob sich das System ändert, sondern wer den Wandel gestaltet und wer ihn erleidet. Zwischen diesen beiden Optionen liegt der Unterschied zwischen Planung und Reaktion. Und Reagieren ist, wie in allen Fragen der Wasserpolitik, immer teurer.
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