Die vierte Energierevolution: Warum die Energiewende neue Abhängigkeiten erzeugt

# Die vierte Energierevolution und die Wiederkehr der Korridore Es gehört zu den tröstlichsten Selbstmissverständnissen der Gegenwart, dass die Dekarbonisierung die Geopolitik der Energie beenden werde. Wer Kohle, Öl und Gas hinter sich lässt, so die Erzählung, befreit sich zugleich aus den Zwängen der Rohrleitungen, Tanker und Meerengen. In meinem Buch PIPELINES habe ich zu zeigen versucht, dass diese Hoffnung auf einem konzeptuellen Irrtum beruht. Die entscheidende Einheit der Energiegeopolitik ist nicht die einzelne Leitung, sondern der Korridor: jene stabile Konfiguration aus physischer Geographie, institutionellen Allianzen, Finanzarchitekturen und sicherheitspolitischer Absicherung, die bestimmte Flüsse ermöglicht und andere verhindert. Eine Energierevolution hebt diese Grammatik nicht auf. Sie schreibt sie neu. ## Die Illusion der Entmaterialisierung Die öffentliche Debatte behandelt die Energiewende oft so, als wäre sie ein Übergang von einer materiellen zu einer gleichsam immateriellen Energieordnung. Sonne und Wind, heißt es, seien frei verfügbar, überall vorhanden, niemandes Eigentum. In dieser Vorstellung verschwindet mit dem Tanker auch der Tankerkapitän, mit der Pipeline auch der Pipelinekrieg. Was bleibt, ist eine gereinigte, von geopolitischen Schatten befreite Versorgung. Diese Erzählung übersieht die thermodynamische und industrielle Wirklichkeit. Sonnenenergie mag kostenlos einstrahlen, doch ihre Umwandlung in nutzbare elektrische Arbeit erfordert Module, Wechselrichter, Leitungen, Speicher und Netzknoten. Jeder dieser Gegenstände besteht aus Materialien, die irgendwo gefördert, irgendwo verarbeitet und auf definierten Wegen transportiert werden müssen. Die Entmaterialisierung der Energie ist eine rhetorische Figur, keine physikalische Tatsache. Was sich verändert, ist nicht die Materialität an sich, sondern ihre Zusammensetzung und ihre Geographie. Genau an diesem Punkt setzt die Korridorlogik wieder ein. Die vier Dimensionen, die ich in PIPELINES für das Zeitalter der Kohlenwasserstoffe beschrieben habe, gelten auch für das Zeitalter der Elektronen und Moleküle: Geographie, Institution, Finanz, Sicherheit. Wer glaubt, die Energiewende sei ein bloßes Technologieprojekt, hat die strukturelle Natur der Macht noch nicht verstanden, die sich aus Energieflüssen speist. ## Lithium, Kobalt und Seltene Erden: Die neue Geologie der Macht Die erste Verschiebung ist geologisch. Das Öl des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich in Lagerstätten konzentriert, die eine bestimmte politische Kartographie erzwangen: den Persischen Golf, das Kaspische Becken, den mexikanischen Golf, die Nordsee. Die Metalle der Energiewende folgen einer anderen Verteilung, nicht weniger konzentriert, nur anders. Lithium liegt vor allem im südamerikanischen Dreieck aus Chile, Argentinien und Bolivien sowie in Australien. Kobalt stammt zu einem großen Teil aus der Demokratischen Republik Kongo. Seltene Erden werden überwiegend in China gefördert und, was entscheidender ist, in China raffiniert. Diese Verteilung ist nicht verhandelbar. Man kann sie verwalten, sie teilweise umgehen, neue Vorkommen erschließen, doch man kann sie nicht wegwünschen. Die physisch-geographische Dimension des Korridors, die in PIPELINES als die stabilste beschrieben wird, wirkt auch hier. Wer elektrische Mobilität will, braucht Batterien. Wer Batterien will, braucht Zugang zu einer kleinen Anzahl von Fördergebieten, deren politische Verfassung oft fragil, deren Regulierungen heterogen und deren Sicherheitsarchitekturen schwach sind. Die zweite Dimension, die institutionelle, ist noch ungleich weniger entwickelt als im Öl- und Gassektor. Es gibt keine OPEC für Lithium, keine etablierten Referenzpreise für Kobalt, die nicht in wenigen Stunden kippen können, keine internationale Agentur, die seltene Erden mit der Selbstverständlichkeit behandelt, mit der die Internationale Energieagentur seit Jahrzehnten Ölmärkte beobachtet. Diese institutionelle Leere ist kein Zufall, sie ist ein Machtraum. Wer ihn nicht füllt, überlässt ihn anderen. ## Die chinesische Solarkette als Korridor Deutlicher noch als bei den Rohstoffen zeigt sich die neue Korridorlogik in der Solarindustrie. Die Wertschöpfungskette einer Photovoltaikzelle reicht vom metallurgischen Silizium über Polysilizium, Ingots, Wafer und Zellen bis zum Modul. In jedem dieser Schritte hält die Volksrepublik China heute einen beherrschenden Anteil der globalen Produktionskapazität. Das ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen, konsequent verfolgten Industriepolitik, die Kapital, Land, Energie und Forschung in eine Richtung gelenkt hat, in die europäische Industriepolitik nur mit halbem Herzen gegangen ist. Die Folge ist ein Korridor im strengen Sinne meiner Analyse. Seine Geographie verläuft von den Solarsilizium-Clustern in Xinjiang und anderen Provinzen über die Waferfabriken und Zellproduktionen in Ostchina bis zu den Häfen, von denen aus Module in die europäischen Verteilnetze verschifft werden. Seine Institutionen sind staatliche Planungsdokumente, Subventionsregime und Exportarchitekturen. Seine Finanzdimension ruht auf Banken, deren Kreditentscheidungen eine politische Logik folgen, die mit den Kapitalkostenmodellen des Westens nur noch entfernt verwandt ist. Seine sicherheitspolitische Dimension bedarf keiner Marine, sie bedarf einer ausreichenden Kontrolle über die Knotenpunkte der Produktion. Europa ist in diesen Korridor eingebettet, nicht als Gestalter, sondern als Abnehmer. Jedes Gigawatt installierter Photovoltaik, das hier zur Klimaneutralität beiträgt, vertieft die strukturelle Einbettung des Kontinents in eine Versorgungskette, deren Regeln anderswo gesetzt werden. Dass diese Verflechtung gegenwärtig noch kaum als Abhängigkeit wahrgenommen wird, liegt daran, dass sie keinen Winter wie 2022 gekannt hat. Die strukturelle Verwundbarkeit zeigt sich erst, wenn sie getestet wird. ## Grüner Wasserstoff und die Wiederkehr der Leitungsgebundenheit Die dritte Facette der neuen Ordnung betrifft den grünen Wasserstoff und seine Derivate. In den Strategien europäischer Regierungen spielt Wasserstoff eine zentrale Rolle, insbesondere als Ersatz für fossile Energieträger in der Schwerindustrie, im Schwerlastverkehr und in der Energiespeicherung. Die physikalische Logik dieses Gases ist jedoch unerbittlich. Es ist volumetrisch wenig dicht, nur mit hohem Aufwand verflüssigbar und im Transport durch klassische Infrastrukturen eingeschränkt. Die Konsequenz: Wasserstoff wird, wenn er im großen Maßstab gehandelt wird, entweder durch dedizierte Pipelines oder in Form von Ammoniak und anderen Derivaten über den Seeweg fließen. Damit kehrt die Leitungsgebundenheit, die ich in PIPELINES als strukturelles Machtprinzip beschrieben habe, in neuem Gewand zurück. Projektierte Wasserstoffkorridore von Nordafrika über Südeuropa bis in die industriellen Kerne von Süddeutschland und Norditalien sind nicht einfach Handelswege. Sie sind Entscheidungen über Jahrzehnte, Entscheidungen, die bestimmen, welche Regionen Produzenten, welche Transitländer und welche strukturelle Kundschaft sein werden. Marokko, Algerien, Ägypten, die Golfstaaten und perspektivisch auch die weiteren Anrainer des arabischen Halbinsel-Korridors positionieren sich als künftige Energieexporteure einer Ordnung, die ihre kohlenwasserstoffbasierte Rolle in grüner Form fortschreiben will. Dies ist keine Abkehr von den Korridorstrukturen des fossilen Zeitalters, sondern deren Fortschreibung unter anderen molekularen Vorzeichen. Die Produzenten von heute sind, in nicht wenigen Fällen, die Produzenten von morgen. Die Häfen, in denen heute LNG regasifiziert wird, werden morgen Ammoniak-Terminals beherbergen. Die geopolitische Grammatik bleibt erkennbar, auch wenn sich die Vokabeln ändern. ## Europas industriepolitische Aufgabe Aus dieser Analyse folgt eine nüchterne Einsicht. Europa hat die Lehren des Jahres 2022 nicht vollständig gezogen, wenn es die strukturelle Verwundbarkeit, die es im Gassektor gegenüber einem einzigen Lieferanten aufgebaut hatte, im Batterie-, Solar- und Wasserstoffsektor gegenüber anderen Lieferanten reproduziert. Die bloße Verlagerung der Abhängigkeit ist kein strategischer Gewinn. Sie ist der Austausch eines Risikos gegen ein anderes, und nicht in jedem Fall gegen ein geringeres. Eine Industriepolitik, die den Namen verdient, würde die vier Dimensionen der Korridorstruktur gemeinsam denken. Sie würde die geographische Diversifizierung der Rohstoffbezüge aktiv betreiben, einschließlich europäischer Förderung dort, wo sie geologisch und ökologisch vertretbar ist. Sie würde institutionelle Arrangements schaffen, die Rohstoff- und Materialflüsse mit verbindlichen Regeln unterlegen, statt sie ausschließlich den Spotmärkten zu überlassen. Sie würde Finanzarchitekturen entwickeln, die europäische Raffinerien, Zellfabriken und Elektrolyseure mit einer Kapitalkostenstruktur ausstatten, die gegen staatlich geförderte Konkurrenz bestehen kann. Und sie würde schließlich die sicherheitspolitische Dimension ernst nehmen, die auch im grünen Zeitalter nicht verschwindet, sondern sich von Meerengen in Häfen, Netzknoten und digitale Steuerungsebenen verschiebt. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) versteht dies nicht als Ruf nach Autarkie. Autarkie wäre, wie im fossilen Zeitalter, weder möglich noch wünschenswert. Gemeint ist etwas anderes: die Wiederherstellung einer Handlungsfähigkeit, die in den vergangenen Jahrzehnten der Auslagerung schrittweise abhandengekommen ist. Ein Europa, das weder die Rohstoffe noch die mittleren Verarbeitungsstufen noch die Schlüsseltechnologien seiner Energiewende selbst beherrscht, hat die Souveränität über seine eigene Transformation in fremde Hände gelegt. Die vierte Energierevolution wird kommen, ob Europa sie gestaltet oder nur erleidet. Sie wird die politische Geographie der Welt ebenso tief prägen wie die industrielle Revolution des neunzehnten Jahrhunderts. Dass sie die Geopolitik der Energieflüsse nicht abschafft, sondern neu ordnet, ist keine pessimistische Behauptung, sondern eine Konsequenz aus der Struktur der Sache. Energie bleibt die physikalische Grundlage der Zivilisation. Wer ihre Flüsse kontrolliert, kontrolliert die Bedingungen, unter denen Gesellschaften existieren, planen und entscheiden können. Dies gilt für Öl, es gilt für Gas, es gilt für Strom, Lithium und Wasserstoff gleichermaßen. Was Dr. Raphael Nagel (LL.M.) in PIPELINES als Grammatik der Korridore beschrieben hat, ist kein historisches Argument über das fossile Zeitalter. Es ist eine analytische Form, die auf das grüne Zeitalter anwendbar ist, sobald man bereit ist, die Bequemlichkeiten der Entmaterialisierungs-Rhetorik abzulegen. Die eigentliche Frage der kommenden Jahrzehnte lautet daher nicht, ob Europa dekarbonisiert. Sie lautet, in welche Korridorstruktur es seine Dekarbonisierung einbettet, welche Partner es gewinnt, welche Institutionen es errichtet und welche industrielle Tiefe es sich erhält. Eine ehrliche Antwort auf diese Frage wäre der Beginn jener Handlungsfähigkeit, die eine reife Zivilisation von einer abhängigen unterscheidet.

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Author: Dr. Raphael Nagel (LL.M.). Biografie