Die stille Deindustrialisierung Deutschlands: Energiepreise als strukturelle Abrissbirne

# Die stille Deindustrialisierung Deutschlands: Energiepreise als strukturelle Abrissbirne Es gibt Formen des Niedergangs, die lärmen, und es gibt solche, die verstummen. Die deutsche Deindustrialisierung gehört zur zweiten Kategorie. Sie vollzieht sich nicht in Revolutionen, sondern in Bilanzen, nicht in Schlagzeilen, sondern in Investitionsentscheidungen, die in Ludwigshafen nicht mehr getroffen, sondern nach Texas und Zhanjiang verschoben werden. In seinem Buch SCHIEFER beschreibt Dr. Raphael Nagel (LL.M.) diesen Vorgang als das, was er tatsächlich ist: eine strukturelle Abrissbirne, deren Schwungmasse aus Energiepreisen besteht und deren langfristige Wirkung die Finanzierungsbasis des Sozialstaats trifft. ## Ein Rückgang, der harmloser klingt, als er ist Zwischen 2012 und 2023 sank der Anteil der Industrie am deutschen Bruttoinlandsprodukt von 22 auf 19 Prozent. Drei Prozentpunkte. In der öffentlichen Wahrnehmung ist das die Art von Zahl, die man überliest. In der Realität entspricht sie einem jährlichen Wertschöpfungsverlust von über einhundert Milliarden Euro. Das ist keine konjunkturelle Delle, das ist die Abschreibung eines Geschäftsmodells, das Deutschland siebzig Jahre getragen hat. Der entscheidende Punkt, den Nagel in SCHIEFER mehrfach betont: Diese drei Prozentpunkte sind nicht neutral verteilt. Sie treffen nicht die Softwarebranche, nicht die Finanzdienstleistung, nicht den Luxuskonsum. Sie treffen die energieintensiven Branchen. Metallverarbeitung, Chemie, Aluminium, Düngemittel, Grundstoffchemie. Also genau jene Bereiche, auf denen das industrielle Ökosystem einer Volkswirtschaft ruht, die ihre Identität aus der Fähigkeit bezieht, physische Dinge herzustellen. Wenn man die Zahl vom Lärm befreit, liest sie sich anders. Drei Prozentpunkte sind das statistische Destillat einer Serie einzelner Entscheidungen: Hochöfen, die ausgeblasen wurden. Zulieferer, die schlossen. Standorte, deren Investitionsbudgets seit Jahren eingefroren sind, weil am Hauptsitz andere Zahlen eingeblendet werden. ## Der Faktor 2,5 und seine arithmetische Gewalt Im Zentrum der Analyse steht eine scheinbar nüchterne Relation. Der Unterschied zwischen amerikanischen und europäischen Industriestrompreisen lag 2023 beim Faktor 2,5. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) beschreibt diese Zahl nicht als Wettbewerbsnachteil, sondern als das, was sie für einen Chemiebetrieb wirklich bedeutet: strukturelle Unmöglichkeit. Ein Unternehmen, das dreißig Prozent seiner Herstellungskosten für Energie ausgibt, kann einen solchen Spread nicht durch Produktivität, nicht durch Lohnflexibilität, nicht durch Zulieferverhandlungen ausgleichen. Diese Lücke, schreibt Nagel, ist nicht der Markt. Sie ist Energiepolitik. Und das ist der Satz, an dem sich das öffentliche Unbehagen entzündet, weil er eine demokratisch getroffene Kette von Entscheidungen verantwortlich macht: den Atomausstieg ohne tragfähigen Ersatz, das Fracking-Verbot bei gleichzeitigem Import russischen Gases, den Bau von Nord Stream 2 nach der Krim-Annexion, die verzögerte LNG-Infrastruktur. Die Anekdoten, die diese Arithmetik illustrieren, sind bekannt und werden doch selten zu Ende gedacht. BASF investiert in Texas und im chinesischen Zhanjiang, nicht mehr in Ludwigshafen. Aluminiumhütten in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden haben geschlossen. Das sind keine isolierten Betriebsnachrichten. Das sind Meilensteine einer Bewegung, in der das industrielle Europa seine Basismaterialien zunehmend importiert, statt sie herzustellen. ## Ludwigshafen, Texas, Zhanjiang Der Fall BASF verdient eine genaue Lesart. Das Unternehmen hat sein Stammwerk in Ludwigshafen nicht aufgegeben. Es hat etwas Subtileres getan: Es hat die Wachstumsperspektive verlagert. Die großen Neuinvestitionen, die strategischen Kapazitätsausbauten, die Kuppelproduktionen der kommenden Jahrzehnte entstehen an Standorten, an denen Energie verlässlich und dauerhaft günstig ist. Texas liefert Schiefergas zu einem Viertel des europäischen Niveaus. Zhanjiang liefert staatlich kalkulierbare Industriestrompreise und politische Anbindung an den größten Chemiemarkt der Welt. Was zurückbleibt in Ludwigshafen, ist nicht das Unternehmen von morgen. Es ist das Unternehmen von gestern. Wartung, Teilbetrieb, Spezialproduktion. Das ist keine Schließung, und das macht den Vorgang so schwer zu politisieren. Eine geschlossene Fabrik erzeugt Schlagzeilen. Eine langsam entwertete Fabrik erzeugt nur stillere Gehaltsabrechnungen, weniger Auszubildende, schrumpfende Gewerbesteuer. Aluminium erzählt dieselbe Geschichte in härteren Zügen. Aluminium ist eingeschmolzene Elektrizität. Der Stromanteil an den Herstellungskosten liegt jenseits von dreißig Prozent. Wenn der Strom sich gegenüber dem amerikanischen Wettbewerber mehr als verdoppelt, schließt die Hütte nicht wegen schlechter Arbeit. Sie schließt wegen physikalischer Mathematik. Und eine Hütte, die einmal abgeschaltet wurde, wird in der Regel nicht wieder angefacht. ## Die Illusion der Transformation Nagel nennt in SCHIEFER die Bewegung zwischen 2009 und 2024 eine Illusion der Transformation. Der Befund ist nicht, dass die Energiewende falsch sei. Der Befund ist, dass eine Transformation, die ihre Übergangsphase nicht absichert, keinen Fortschritt darstellt, sondern Fahrlässigkeit. Europa hat seit 2009 über 750 Milliarden Euro in erneuerbare Energien investiert, und dennoch liegt der Anteil erneuerbarer Energien am europäischen Gesamtenergiemix im Jahr 2026 bei rund 22 Prozent. Das Missverständnis, das diese Zahl erklärt, ist ein Fokussierungsfehler. Der Stromsektor wurde weitgehend dekarbonisiert. In manchen Ländern stammen sechzig bis siebzig Prozent des Stroms aus Wind und Sonne. Doch Strom macht nur zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent des Gesamtenergieverbrauchs aus. Wärme, Industrie und Transport hängen weiterhin an fossilen Trägern. Die Energiewende hat den sichtbarsten Teil gelöst und den schwierigsten vor sich her geschoben. Für die Industrie bedeutet das eine doppelte Belastung: Sie bezahlt die umlagefinanzierten Kosten der Transformation im Stromsektor und gleichzeitig die volatilen Preise eines Gasmarkts, den Europa nicht mehr kontrolliert. Die Kombination aus Dunkelflauten, die Gaskraftwerke als Backup erzwingen, und einer Gasversorgung, die vom Persischen Golf, von Katar, von amerikanischen LNG-Terminals abhängt, erzeugt eine Preiskurve, mit der kein Werksleiter verlässlich planen kann. ## Deindustrialisierung als Sozialstaatsproblem Die gefährlichste Konsequenz des Vorgangs ist nicht in der Industriebilanz sichtbar, sondern im Haushalt der Rentenversicherung. Jeder erhaltene Industriearbeitsplatz ist, wie Nagel in SCHIEFER ausführt, ein Beitragszahler. Jede Unternehmensinsolvenz durch zu hohe Energiepreise ist ein Beitragszahler weniger und oft ein Leistungsempfänger mehr. Das Bundesarbeitsministerium hat intern berechnet, dass eine dauerhafte Reduktion des industriellen Energiepreises um dreißig Prozent das Rentensystem bis 2040 um 200 bis 280 Milliarden Euro entlasten würde. Die Zahl ist in der öffentlichen Debatte nahezu unbekannt. Sie sollte es nicht sein. Sie verbindet zwei Politikfelder, die in Berlin getrennt verwaltet werden: Energie- und Sozialpolitik. In Wahrheit sind sie dieselbe Politik, nur zu unterschiedlichen Zeitpunkten sichtbar. Wer heute ein Stahlwerk verliert, verliert in zwanzig Jahren eine Rentenkasse. Die Kausalkette ist lang genug, um im politischen Alltag unsichtbar zu bleiben, und kurz genug, um in der demografischen Realität unausweichlich zu werden. Dazu kommt die Gruppe, die in den Statistiken kaum auftaucht: die 1,8 bis 2,2 Millionen Menschen über fünfzig in Deutschland, die nach einem industriellen Jobverlust faktisch aus dem Arbeitsmarkt ausgesteuert sind. Ihre Qualifikation wird nicht nachgefragt. Ihre Löhne gelten als zu hoch. Die Unternehmen, die sie hätten einstellen können, stehen selbst unter Kostendruck. Das ist keine abstrakte soziale Frage. Es ist die Schattenseite der drei Prozentpunkte BIP-Anteil, die Deutschland seit 2012 verloren hat. ## Was daraus folgt, ohne in Ideologie zu verfallen Die Diagnose Nagels ist scharf, aber sie ist nicht polemisch. Er argumentiert nicht gegen die Energiewende, sondern gegen ein Timing, das die Brücke abbricht, bevor das andere Ufer erreicht ist. In den nächsten zwanzig Jahren braucht die deutsche Industrie bezahlbare Energie. Ob diese aus regulierter heimischer Förderung, aus einer neu gedachten europäischen Kernenergieachse, aus gemeinsamer LNG-Beschaffung oder aus einer Kombination dieser Instrumente kommt, ist eine Frage der politischen Entscheidung, nicht der physikalischen Unmöglichkeit. Was die Abrissbirne stoppen kann, ist keine Subvention, die einzelne Strompreisbremsen für besonders laute Branchen installiert. Was sie stoppen kann, ist die Wiederherstellung einer Planbarkeit, die in den letzten fünfzehn Jahren verloren ging. Ein Chemiekonzern, der eine Investitionsentscheidung mit einem Horizont von dreißig Jahren trifft, muss eine Energieprognose haben, die diesen Horizont trägt. Diese Prognose existiert in Deutschland derzeit nicht. Sie existiert in Texas. Das ist der Punkt, an dem die Analyse aus SCHIEFER die industriepolitische Diskussion verlässt und zur staatsphilosophischen wird. Ein Staat, der seine produktive Basis nicht mehr schützen kann, weil er seine Energiegrundlage nicht mehr kontrolliert, ist nicht mehr Souverän über sein eigenes wirtschaftliches Schicksal. Er verwaltet die Folgen von Entscheidungen, die anderswo getroffen werden. Die deutsche Deindustrialisierung ist kein Naturereignis. Sie ist das kumulative Ergebnis einer Reihe demokratisch legitimer, aber strategisch unvollständig durchdachter Entscheidungen, deren Rechnung nun gleichzeitig in Werkshallen, Sozialkassen und Familienbiografien auftaucht. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) beschreibt in SCHIEFER den Vorgang als die Lücke zwischen dem, was Europa sein könnte, und dem, was es ist. Diese Lücke ist vermessbar. Sie hat einen Wert von drei Prozentpunkten Industrieanteil, einem Faktor 2,5 im Industriestrompreis, einer implizit wachsenden Finanzierungslast im Rentensystem und einer Reihe von Werksnamen, die von deutschen Standortkarten auf amerikanische und chinesische wandern. Sie ist keine unabänderliche Größe. Aber sie wird nicht kleiner, solange die Politik die Energiefrage als Technikfrage behandelt und nicht als das, was sie ist: eine Frage der Souveränität, der industriellen Substanz und der Verteilungsgerechtigkeit zwischen den Generationen. Wer heute Energie verliert, verliert morgen Industrie, übermorgen Beitragszahler und am Ende jene stille Fähigkeit eines Staates, seinen Bürgern zu versprechen, dass der gesellschaftliche Vertrag auch in dreißig Jahren noch trägt. Die Abrissbirne schwingt langsam. Das macht sie nicht weniger wirksam.

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Author: Dr. Raphael Nagel (LL.M.). Biografie