Die große Abstraktion: Wie Derivate die Substanz verdrängten

# Die große Abstraktion: Wie Derivate die Substanz verdrängten Das zweite Kapitel von SUBSTANZ trägt den Titel Die große Abstraktion, und es beschreibt eine Bewegung, die sich über Jahrhunderte erstreckt, aber in den letzten fünfzig Jahren eine Beschleunigung erfahren hat, die kaum ein Beobachter in ihrer ganzen Tragweite erfasst. Es ist die Bewegung weg vom Ding, hin zum Zeichen des Dings. Weg vom Eigentum, hin zum Anspruch auf Eigentum. Weg von der Substanz, hin zum Symbol, das die Substanz ersetzen soll. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) nennt diesen Vorgang eine Entfernung, und dieses Wort ist präziser gewählt als es auf den ersten Blick scheint, denn Entfernung bedeutet sowohl Distanz im Raum als auch Herausnahme aus einem Zusammenhang. ## Vom Wechselbrief zur digitalen Forderung In den Handelsstädten des Spätmittelalters war die Abstraktion noch ein handwerkliches Instrument. Der Wechselbrief erlaubte es einem Kaufmann in Brügge, einem Partner in Florenz eine Zahlung zukommen zu lassen, ohne tatsächlich Münzen über die Alpen zu tragen. Das war ein Fortschritt der Logistik, nicht der Ontologie. Hinter dem Wechselbrief stand ein realer Schuldner, eine reale Ware, ein realer Handelsvorgang. Die Urkunde war ein Versprechen, aber ein Versprechen, das sich auf eine konkrete, überprüfbare Wirklichkeit bezog. Vier Jahrhunderte später steht am anderen Ende dieser Entwicklung der Credit Default Swap, ein Instrument, das den Wert einer Anleihe versichert, die möglicherweise nie vom Versicherten gehalten wurde, und das wiederum in Portfolios anderer Versicherer einfließt, die ihrerseits gegen ihre Verpflichtungen absichern. Zwischen Brügge und Wall Street liegt nicht nur Zeit. Es liegt eine Abfolge von Abstraktionsschichten, die jede für sich ökonomisch erklärbar ist, die in ihrer Summe aber ein Geflecht bilden, in dem niemand mehr mit Sicherheit sagen kann, was wem gehört und was wem geschuldet wird. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) beschreibt diese Entwicklung im zweiten Kapitel seines Buches als eine Bewegung, die sich zunächst langsam vollzog und dann im zwanzigsten Jahrhundert eine Geschwindigkeit annahm, die niemand wirklich vorhergesehen hatte. ## Das Derivat und seine stille Entkopplung Ein Derivat leitet seinen Wert, per Definition, von einem anderen Instrument ab. Eine Option auf eine Aktie ist an die Aktie gebunden, ein Futures-Kontrakt auf Weizen an den Weizen, ein Credit Default Swap an die zugrundeliegende Anleihe. Das klingt unverfänglich, und in begrenzter Anwendung ist es das auch. Derivate erfüllen legitime Funktionen der Absicherung, der Preisbildung, der Risikoverteilung. Das ursprüngliche Futures-Geschäft an den Getreidebörsen des neunzehnten Jahrhunderts war ein Instrument, mit dem Landwirte sich gegen Preisverfall absichern konnten und Verarbeiter gegen Preissteigerungen. Die Verschiebung tritt ein, wenn das Volumen der Derivate das Volumen des zugrundeliegenden Basiswerts übersteigt. In diesem Moment entsteht, wie SUBSTANZ es formuliert, ein Paralleluniversum, in dem auf Weizen gewettet wird, ohne dass Weizen berührt wird, und in dem vom Immobilienmarkt profitiert wird, ohne dass eine einzige Immobilie den Besitzer wechselt. Die Wette hat sich vom Objekt der Wette emanzipiert. Was als Absicherung begann, ist zum eigenständigen Markt geworden, der seine eigene Dynamik entwickelt, seine eigenen Akteure anzieht und seine eigenen Risiken erzeugt. Die Kette zwischen Preis und Ding wird länger, und mit jeder zusätzlichen Schicht wächst die Distanz zur Realität. ## 2008 als Lehrstück der Überabstraktion Die Krise von 2008 ist das Ereignis, an dem sich die These der wachsenden Distanz empirisch überprüfen lässt. Der globale Markt für Mortgage-Backed Securities, für Anleihen also, die auf amerikanischen Hypotheken beruhten, war vielfach größer als der Immobilienmarkt, dem sie zugrunde lagen. Als die Hypothekenschuldner ihre Raten nicht mehr bedienen konnten, kollabierte nicht nur ein einzelner Markt. Es kollabierte, wie Dr. Raphael Nagel (LL.M.) es beschreibt, ein Geflecht aus Abstraktionen, die aufeinander aufgebaut hatten wie ein Kartenhaus aus Versprechen. Das Lehrstück besteht nicht darin, dass die zugrundeliegenden Hypotheken schlecht waren. Schlechte Kredite hat es immer gegeben, und die klassischen Mechanismen der Bankenprüfung können damit umgehen. Das Lehrstück besteht darin, dass die Verpackung, Umverpackung und Weiterverpackung dieser Kredite in immer komplexere Produkte dazu führte, dass niemand mehr wusste, was tatsächlich in den Bilanzen stand. Die Ratingagenturen, die diese Produkte bewerteten, waren selbst Teil des Abstraktionsapparates. Die Versicherer, die sie absicherten, hatten keinen Einblick in die konkreten Häuser, die konkreten Schuldner, die konkreten Straßen. Als die Realität sich meldete, war die Distanz zu ihr so groß geworden, dass Korrekturmechanismen versagten. Der Satz aus SUBSTANZ bringt dies auf eine Form, die keinen Kommentar mehr benötigt. Je abstrakter das Instrument, desto größer die Distanz zur Realität. Und desto größer das Risiko, wenn die Realität sich meldet. ## Fractional Reserve und die Fiktion des Besitzes Unterhalb der spektakulären Derivatemärkte arbeitet eine stillere, aber ebenso folgenreiche Abstraktion, nämlich das Fractional Reserve Banking. Das Geld, das ein Kunde auf seinem Konto sieht, ist, streng genommen, nicht Geld in seinem Besitz. Es ist eine Forderung gegen die Bank. Die Bank wiederum hält nur einen Bruchteil dieser Einlagen als Reserve und hat den Rest weiterverliehen. Das System funktioniert, solange nicht alle Einleger gleichzeitig über ihre Guthaben verfügen wollen. Diese Beobachtung ist nicht polemisch gemeint, und SUBSTANZ trägt sie auch nicht polemisch vor. Fractional Reserve Banking hat ökonomische Funktionen erfüllt, die schwer zu ersetzen wären. Aber es ist wichtig, sich die ontologische Struktur dieser Ordnung klarzumachen. Was der moderne Bürger als sein Bankguthaben bezeichnet, ist ein Eintrag in einer Datenbank, der rechtlich eine Forderung darstellt, die in der Substanz nur teilweise gedeckt ist und deren Verfügbarkeit vom Vertrauen einer großen Zahl anderer Beteiligter abhängt. Die Kette zwischen Datenbankeintrag und Münze im Tresor ist länger, als die meisten Kontoinhaber vermuten. Die Geschichte der Bankenkrisen ist, in einer knappen Formel, die Geschichte jener Momente, in denen diese Kette unter Spannung geriet. ## Was beim Abstrahieren verlorengeht Mit jeder Stufe der Abstraktion, so argumentiert das zweite Kapitel, geht etwas verloren. Es geht zunächst die physische Verbindung verloren, also das Wissen, dass hinter dem Zahlenwert ein Ding existiert, das man anfassen, betreten, verändern kann. Es geht die Eindeutigkeit verloren, denn ein Wertpapier kann von vielen gleichzeitig gehalten werden, die alle meinen, es zu besitzen, und deren Ansprüche im Ernstfall miteinander konkurrieren. Und es geht, drittens, die Kontrolle verloren. Kontrolle ist in der Argumentation von Dr. Raphael Nagel (LL.M.) der eigentliche Schlüsselbegriff. Der Aktionär, der eine Aktie eines Konzerns hält, hat formale Ansprüche auf Dividenden, auf Stimmrechte, auf Liquidationsanteile. In der Praxis hat er keinerlei operative Entscheidungsgewalt. Er kann zusehen, er kann verkaufen, mehr nicht. Wer hingegen ein Unternehmen direkt besitzt, eine Immobilie unterhält oder eine physische Sammlung pflegt, entscheidet selbst, gestaltet selbst, trägt selbst. Diese Unterscheidung zwischen nomineller Teilhabe und realer Verfügungsgewalt ist in ruhigen Zeiten ein akademischer Gegenstand. In Zeiten politischer Unsicherheit, regulatorischer Eingriffe und systemischer Spannungen wird sie zur Frage der Handlungsfähigkeit. ## Folgen für institutionelle Allokation Wer die These der wachsenden Distanz ernst nimmt, muss institutionelle Allokationsentscheidungen anders denken, als es das übliche Lehrbuch vorsieht. Diversifikation über Klassen abstrakter Finanzinstrumente bleibt Diversifikation innerhalb einer einzigen Abstraktionsebene. Sie schützt vor dem Ausfall einzelner Titel, aber sie schützt nicht vor jener systematischen Korrelation, die in Stressmomenten entsteht, wenn alle Papierwerte ihre Liquidität zugleich verlieren. Ein institutioneller Portfoliomanager, der dies anerkennt, wird nicht Derivate ablehnen, aber er wird ihre Funktion begrenzen und ihre Dominanz hinterfragen. Die Konsequenz aus der Lektüre des zweiten Kapitels ist nicht, dass Abstraktion abgeschafft gehört. Das wäre weder möglich noch wünschenswert. Die Konsequenz ist, dass jede Institution, die Kapital über lange Zeithorizonte zu erhalten hat, einen Teil dieses Kapitals in Formen halten sollte, die nicht durch weitere Abstraktionsschichten von der physischen Welt getrennt sind. Mittelständische Unternehmensbeteiligungen, gut gelegenes Land, bebaute Substanz in nicht reproduzierbaren Lagen, limitierte physische Objekte mit dokumentierter Geschichte, all diese Kategorien bilden, in der Terminologie von SUBSTANZ, Ankerpunkte, an denen die Kette zwischen Kapital und Realität noch kurz ist. Für den institutionellen Investor heißt das, die Frage nach Liquidität neu zu stellen. Liquidität ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, und sie wird in der Überabstraktion oft zur Illusion, weil sie im Krisenmoment, wenn sie gebraucht würde, verschwindet. Eine Allokation, die einen bewussten Anteil an nicht sofort liquidierbaren, aber physisch fundierten Vermögensgegenständen vorsieht, ist kein Rückschritt in vormoderne Verhältnisse. Sie ist eine nüchterne Anerkennung dessen, dass jede Abstraktion ihren Preis hat, und dass dieser Preis im Zweifel dann fällig wird, wenn die Reserven am wenigsten elastisch sind. Das zweite Kapitel von SUBSTANZ endet mit einer Formulierung, die zugleich Diagnose und Programm ist. Das Versprechen der Finanzindustrie laute, man könne sich auf sie verlassen, sie verwalte die Dinge, man müsse sie selbst nicht verstehen. Das Versprechen der Substanz hingegen laute anders, nämlich, dass man das Ding habe, dass man es sehe, dass man wisse, was es sei, und dass es noch stehe, wenn alles andere in sich zusammenfalle. Diese Gegenüberstellung ist nicht als moralische Verurteilung der Finanzindustrie gemeint, und sie wird im Buch auch nicht so geführt. Sie ist eine nüchterne Unterscheidung zwischen zwei Ordnungen der Sicherheit, von denen die eine auf Konvention, die andere auf Körperlichkeit ruht. Die Geschichte der letzten fünfzig Jahre hat gezeigt, dass Konventionen tragfähig sein können, lange tragfähig, aber dass sie in jenen Momenten versagen, in denen sie am dringendsten gebraucht werden. Wer daraus eine Lehre zieht, trifft Allokationsentscheidungen, die nicht nur die erwartete Rendite, sondern die Länge der Kette zwischen dem eigenen Kapital und der physischen Welt zum Kriterium machen. Darin liegt, so lässt sich die zentrale Beobachtung des zweiten Kapitels zusammenfassen, die stille Kontinuität jener Familien und Institutionen, die Krisen über Generationen überstanden haben. Sie haben nicht darauf verzichtet, moderne Instrumente zu nutzen. Aber sie haben es nie versäumt, einen substanziellen Teil ihres Vermögens in Formen zu halten, deren Wert nicht von der Fortdauer eines Versprechens abhing, sondern von der Fortdauer eines Dinges.

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Author: Dr. Raphael Nagel (LL.M.). Biografie