Dr. Raphael Nagel (LL.M.) zum Thema Restrukturierung, Mittelstand, Sanierung — Tactical Management
Dr. Raphael Nagel (LL.M.)
Aus dem Werk · KOMPLEXITAET

Warum Restrukturierung mehr ist als Zahlen: Die Anthropologie der Sanierung

# Warum Restrukturierung mehr ist als Zahlen: Die Anthropologie der Sanierung

Die Literatur über Sanierung wird in Tabellen geführt. Sie beginnt mit Liquiditätsplänen, setzt sich in Kovenantanalysen fort und endet in Refinanzierungsstrukturen. Diese Rechenwerke sind notwendig. Sie sind aber nicht das, was über den Ausgang eines Sanierungsmandats entscheidet. Wer im europäischen Mittelstand über längere Zeiträume Restrukturierungen begleitet hat, weiß, dass die Zahlen der Eintritt in den Gegenstand sind, nicht der Gegenstand selbst. Der Gegenstand ist eine Organisation, die sich selbst nicht mehr trägt, und die Frage, ob sie sich wieder trägt, ist nur zu einem kleineren Teil eine Frage der Finanzplanung. Zu einem größeren Teil ist sie eine anthropologische Frage: Wie verhält sich eine Gruppe von Menschen, wenn ihr bisheriges Betriebsmodell den Bedingungen der Welt nicht mehr entspricht, und welche Form von Führung bringt sie durch diese Phase hindurch, ohne sie zu zerbrechen. Der folgende Essay versucht, diese zweite Ebene freizulegen, ohne die erste zu verkleinern. Er knüpft an Beobachtungen an, die in meinem Buch Komplexität. Warum einfache Antworten falsch sind ausgeführt sind, und überträgt sie auf den konkreten Gegenstand der Sanierung. Restrukturierung, Mittelstand und Sanierung sind in dieser Darstellung keine betriebswirtschaftlichen Schubladen, sondern Schauplätze einer Arbeit, die an der Grenze zwischen Analyse und Haltung verläuft.

Die erste Diagnose trägt selten

Jedes Mandat beginnt mit einer Erstdiagnose. Sie wird in den ersten Wochen erstellt, sie stützt sich auf die vorhandenen Zahlenwerke, auf Interviews mit dem Management und auf die Durchsicht der wesentlichen Verträge. Sie ist in der Regel handwerklich solide und in ihrem Urteil zu klar. Das liegt nicht an der Kompetenz der Beteiligten, sondern an einer Eigenschaft der Lage: Wer unter Zeitdruck diagnostiziert, personalisiert. Er findet Ursachen, die in Personen, in Einzelentscheidungen, in konkreten Fehlgriffen liegen. Diese Ursachen existieren. Sie sind aber meist nur die sichtbare Oberfläche einer Konstellation, die tiefer reicht.

Die zweite Diagnose entsteht nicht aus einer besseren Methode, sondern aus Zeit. Sie entsteht, wenn die Erstmaßnahmen bereits laufen und die Organisation beginnt, anders zu reagieren, als es die Erstdiagnose erwartet hat. An dieser Stelle werden jene Faktoren sichtbar, die in der ersten Runde nicht erhebbar waren: eine Vertriebsorganisation, die gegen das Produkt arbeitet, weil sie einen Produktwechsel intern nie akzeptiert hat; eine Einkaufsstruktur, die historisch gewachsene Lieferantenbeziehungen stabilisiert, die ökonomisch nicht mehr tragen; eine Finanzierungslogik, die das Unternehmen an Zinsstrukturen bindet, die im aktuellen Umfeld nicht mehr passen. Die zweite Diagnose ist die tragfähige. Sie ist aber erst nach drei bis sechs Monaten verfügbar, und sie ist kommunikativ schwerer zu vermitteln, weil sie den Adressaten der Erstdiagnose widerspricht.

Ein erfahrener Beirat kürzt diesen Prozess ab, indem er schon die Erstdiagnose mit einer Pflicht zur Revision versieht. Er behandelt sie nicht als Urteil, sondern als Hypothese. Diese Haltung ist selten. Die meisten Gremien wollen in der Erstdiagnose eine Antwort, weil die Antwort die Handlungsfähigkeit herstellt, die sie für die eigene Legitimation brauchen. Gerade an dieser Stelle scheitern viele Sanierungen, bevor sie begonnen haben: nicht an der Analyse, sondern an der Bereitschaft, die Analyse offenzuhalten.

Beharrungsvermögen ist keine Zahl

Die wichtigste Größe in einer Sanierung lässt sich nicht bilanzieren. Sie heißt Beharrungsvermögen. Gemeint ist die Summe aus Gewohnheiten, informellen Bündnissen, stillen Vorbehalten, internen Loyalitäten und jenem feinen Netz von Erwartungen, das eine Organisation zusammenhält. Dieses Netz hat über Jahre funktioniert. Es ist der Grund, warum das Unternehmen überhaupt noch existiert. Es ist zugleich der Grund, warum die notwendige Veränderung ausbleibt.

Wer dieses Beharrungsvermögen in Liquiditätsplänen sucht, findet es nicht. Es zeigt sich in der Art, wie Sitzungen vorbereitet werden, wer wen unterbricht, welche Themen als selbstverständlich gelten und welche als Provokation, welche Frage nicht gestellt wird und welche Antwort nicht erwartet wird. Ein erfahrener Sanierer verbringt die ersten Wochen damit, diese Schicht zu lesen. Er weiß, dass er gegen sie arbeiten muss, ohne sie zu zerstören. Wer das Beharrungsvermögen zerbricht, ohne es durch eine neue Bindung zu ersetzen, steht am Ende vor einer Organisation, die zwar anders ist, aber nicht mehr arbeitsfähig.

Diese Arbeit gegen und mit dem Beharrungsvermögen ist der eigentliche Kern der Sanierung im Mittelstand. Sie unterscheidet die Restrukturierung eines Familienunternehmens von der eines anonymen Kapitalmarktunternehmens. Im Mittelstand ist die Kultur dichter, die Bindungen sind älter, die persönlichen Geschichten reichen tiefer. Eine Restrukturierung, die diese Dichte nicht wahrnimmt, wird als Fremdkörper abgestoßen. Eine, die sie respektiert, ohne sich ihr zu unterwerfen, hat eine Chance.

Autorität, Geduld und eine gewisse Kälte

Im Prolog und in Kapitel sechs meines Buches habe ich die drei Eigenschaften benannt, die eine Führungsperson in einer Sanierung benötigt: Autorität, Geduld und eine gewisse Kälte. Keine dieser Eigenschaften ist für sich genommen sympathisch. In ihrer Kombination sind sie die Bedingung dafür, dass eine Organisation aus einer existenziellen Lage herausgeführt werden kann.

Autorität ist nicht Hierarchie. Sie ist die Fähigkeit, Entscheidungen durchzusetzen, die nicht durch Konsens gedeckt sind. In einer Sanierung ist der Konsens häufig nicht herstellbar, weil die Interessen der Beteiligten auseinanderlaufen. Wer auf Konsens wartet, verliert die Zeit, die ihm zur Verfügung steht. Autorität bedeutet in diesem Kontext, eine Entscheidung zu treffen, ohne dass alle sie tragen, und dafür einzustehen. Das erfordert eine innere Unabhängigkeit, die weder aus der Position allein noch aus der Expertise allein erwächst, sondern aus der Bereitschaft, die Verantwortung im Einzelfall zu behalten.

Geduld ist das Gegenstück zur Autorität. Sie ist die Einsicht, dass eine Organisation nicht in der Geschwindigkeit reagiert, in der die Zahlen reagieren. Zahlen ändern sich innerhalb von Wochen. Verhalten ändert sich innerhalb von Jahren. Wer diese unterschiedlichen Taktungen nicht akzeptiert, wird entweder die Zahlen stabilisieren, ohne die Organisation zu verändern, oder er wird die Organisation überfordern und die Stabilisierung verfehlen. Geduld heißt nicht Langsamkeit. Sie heißt, gleichzeitig schnell und langsam zu sein, je nach Schicht.

Die dritte Eigenschaft ist die heikelste. Eine gewisse Kälte bedeutet, persönliche Sympathien nicht zum Maßstab operativer Entscheidungen zu machen. Sie bedeutet, Mitarbeitern, die man schätzt, zu sagen, dass ihre Funktion nicht mehr getragen wird. Sie bedeutet, Lieferanten, mit denen eine lange Geschichte besteht, zu informieren, dass die Geschichte endet. Diese Kälte ist keine Härte. Sie ist die Form, in der Verantwortung für das Ganze vor der Loyalität gegenüber dem Einzelnen Vorrang erhält. Wer sie nicht aufbringt, trifft am Ende Entscheidungen, die mehr Menschen schaden als die kältere Variante.

Zweite Diagnose, langsame Wirkung, späte Einsicht

Eine Sanierung verläuft in ihrer inneren Logik dreigeteilt. Die erste Phase ist die Stabilisierung. Sie dauert Wochen und handelt von Liquidität, Vertrauen der Finanzierungspartner und Aufrechterhaltung des operativen Minimalbetriebs. Sie ist handwerklich, und sie wird meist gut gemacht, weil sie klaren Regeln folgt.

Die zweite Phase ist die strukturelle Neuausrichtung. Sie dauert Monate und verlangt die Umsetzung der zweiten Diagnose. Sie ist schwerer, weil sie die Organisation bewegt, und sie erzeugt Nebenfolgen, die in der ersten Phase nicht sichtbar waren. Wer Kapitel acht meines Buches gelesen hat, erinnert sich an die Beobachtung, dass jede Intervention in komplexen Systemen Wirkungen jenseits ihres Ziels erzeugt. Eine Sanierung ist nichts anderes als eine Serie solcher Interventionen, deren Nebenfolgen laufend neu bewertet werden müssen.

Die dritte Phase, die seltener erreicht wird, ist die Reifung. Sie dauert Jahre. Sie ist die Phase, in der die neue Struktur in die Kultur eingeht, in der aus angeordnetem Verhalten gelebtes Verhalten wird. Erst in dieser Phase ist die Sanierung abgeschlossen. Viele Mandate enden formal vor ihrem Beginn, weil die Honorarlogik der Berater und die Aufmerksamkeitsspanne der Gremien die dritte Phase nicht mehr abdecken. Das ist eine strukturelle Schwäche der Branche, kein Einzelfehler. Wer den Mittelstand über längere Zeit begleitet, weiß, dass die eigentliche Arbeit dort beginnt, wo die Mandate enden.

Die späte Einsicht in diesen Dreitakt ist das, was gute Sanierer von routinierten Sanierern unterscheidet. Der Routinierte arbeitet die erste und die zweite Phase ab und verlässt das Mandat. Der Gute versucht, die dritte Phase institutionell vorzubereiten, auch wenn er sie nicht selbst begleiten wird. Er baut Governancestrukturen, die die Reifung tragen, und er übergibt an Personen, die die drei Tugenden ebenfalls mitbringen. Das ist undankbare Arbeit, weil sie in der Honorierung nicht abgebildet wird. Sie ist aber das, was den Unterschied macht.

Der Mittelstand als anthropologischer Gegenstand

Der europäische Mittelstand ist in der ökonomischen Literatur als Rechtsform und als Größenklasse beschrieben. Anthropologisch betrachtet ist er etwas anderes. Er ist ein Raum, in dem Unternehmen, Familie, Region und Biografie ineinander verflochten sind. Das Unternehmen ist nicht nur ein Wirtschaftsobjekt. Es ist ein Stück Lebensgeschichte, häufig über mehrere Generationen, und es ist in eine Region eingebettet, in der es als Arbeitgeber, als Steuerzahler und als sozialer Akteur wahrgenommen wird.

Diese Verflechtung macht die Sanierung des Mittelstands zu einem anderen Gegenstand als die Sanierung eines Konzerns. Die Entscheidungen, die zu treffen sind, reichen in Räume hinein, die nicht ökonomisch sind. Wer einen Standort aufgibt, gibt nicht nur eine Produktion auf. Er greift in die Geschichte einer Familie ein, in die Struktur einer Region, in die Identität einer Belegschaft. Diese Dimensionen lassen sich nicht wegrechnen. Sie können nur respektiert werden, auch wenn sie die ökonomische Entscheidung nicht umkehren.

Der Respekt vor diesen Dimensionen ist keine Sentimentalität. Er ist eine operative Voraussetzung. Eine Sanierung, die diese Schichten übergeht, verliert die Zustimmung, die sie für ihre Umsetzung braucht. Eine, die sie ernst nimmt, ohne sich ihnen zu unterwerfen, gewinnt die Zeit, die sie braucht. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) hat in Gesprächen mit mittelständischen Eigentümerfamilien wiederholt die Erfahrung gemacht, dass die ökonomische Einsicht in die Notwendigkeit der Veränderung häufig lange vor der emotionalen Bereitschaft zur Veränderung vorhanden ist. Die Aufgabe der Sanierung ist nicht, die emotionale Bereitschaft herzustellen. Sie ist, die Zeit zu überbrücken, in der die ökonomische Einsicht bereits wirkt, die emotionale aber noch nicht nachgezogen hat.

Wer Sanierung auf Zahlen reduziert, hat die Aufgabe nicht verstanden. Die Zahlen sind die Sprache, in der die Lage sich zuerst mitteilt. Sie sind nicht die Lage selbst. Die Lage ist eine Organisation in einer kritischen Phase ihrer Geschichte, und die Frage, ob sie diese Phase überlebt, hängt an Größen, die sich nicht bilanzieren lassen: an Beharrungsvermögen, an informellen Strukturen, an der Qualität der zweiten Diagnose und an den Tugenden derer, die die Sanierung führen. Autorität, Geduld und eine gewisse Kälte sind keine charakterlichen Eigenschaften, die man mitbringt oder nicht. Sie sind Haltungen, die man in der Arbeit an konkreten Mandaten einübt und im Gespräch mit erfahrenen Kollegen schärft. Wer sie einübt, wird nicht automatisch erfolgreicher. Er wird aber seltener katastrophal scheitern, und das ist im Sanierungsgeschäft der entscheidende Unterschied. Die Arbeit an komplexen Systemen kennt keine Erfolgsgarantie. Sie kennt nur die Disziplin, die Welt nicht einfacher zu machen, als sie ist. Darin liegt auch die Verbindung zwischen der Sanierungspraxis und jener Haltung, die ich in meinem Buch zu beschreiben versucht habe. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) betrachtet Restrukturierung nicht als Ausnahmeereignis, das man betriebswirtschaftlich abarbeitet, sondern als Prüfstein für das Denken in Wahrscheinlichkeiten, Zeithorizonten und Wechselwirkungen. Wer den Mittelstand in seiner anthropologischen Tiefe ernst nimmt, wird aus jeder Sanierung etwas mitnehmen, das über die jeweilige Bilanz hinausreicht: eine präzisere Vorstellung davon, wie Organisationen tatsächlich funktionieren, und eine ruhigere Haltung in der nächsten Lage, in der einfache Antworten wieder einmal nicht ausreichen werden.

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Author: Dr. Raphael Nagel (LL.M.). Biografie