Dr. Raphael Nagel (LL.M.) zum Thema Wasserinfrastruktur Investitionszyklen — Tactical Management
Dr. Raphael Nagel (LL.M.)
Aus dem Werk · DIE RESSOURCE

Jahrhundert-Infrastruktur: Warum Wassernetze andere Investitionszyklen verlangen

# Jahrhundert-Infrastruktur: Warum Wassernetze andere Investitionszyklen verlangen

Es gibt in jeder entwickelten Gesellschaft eine Kategorie von Bauwerken, die zugleich allgegenwärtig und unsichtbar sind. Sie liegen unter dem Asphalt, unter den Wohnhäusern, unter den Gewerbegebieten, unter den Gleistrassen. Sie tragen das Gewicht der Moderne, ohne jemals in der Wahrnehmung derer aufzutauchen, deren tägliches Leben sie ermöglichen. Sie sind älter als die meisten Verfassungen, unter denen sie verlaufen, und sie werden, wenn nichts Grundlegendes geschieht, länger halten müssen, als die politischen Zyklen ihrer Verwalter es vorsehen. Die Rede ist von den Wassernetzen. Der folgende Essay nimmt eine Beobachtung aus meinem Buch DIE RESSOURCE auf und entfaltet sie in einer Richtung, die für Entscheidungsträger in Aufsichtsräten, kommunalen Versorgern und Kapitalallokationsgremien unmittelbar konsequenzenreich ist: Wasserinfrastruktur folgt anderen Investitionszyklen als beinahe jede andere Form technischer Versorgung, und ihre Missachtung als kurzzyklisches Thema rächt sich auf eine Weise, die weder ökonomisch noch politisch kalkulierbar bleibt.

Die Eigenzeit der Rohre

Wer über Wasserinfrastruktur Investitionszyklen sprechen will, muss zunächst einen Zeitbegriff einführen, der in den Entscheidungsgremien moderner Gesellschaften kaum heimisch ist. Mobilfunknetze werden alle zehn Jahre generationell erneuert. Stromnetze unterliegen in Zyklen von dreißig bis vierzig Jahren einer größeren Modernisierung. Verkehrsinfrastruktur bewegt sich, je nach Gewerk, in Abschnitten von zwanzig bis sechzig Jahren. Wassernetze dagegen arbeiten, wie ich in DIE RESSOURCE ausführe, in Zyklen von achtzig bis hundertfünfzig Jahren. Sie sind Jahrhundert-Infrastruktur im wörtlichen Sinn.

Diese Eigenzeit ist keine ingenieurtechnische Marginalie. Sie ist eine ordnungspolitische Tatsache. Entscheidungen, die heute über einen Hauptsammler, über eine Fernleitung, über ein städtisches Kanalnetz getroffen werden, binden nicht die Legislaturperiode, nicht den gegenwärtigen Aufsichtsrat, nicht einmal die heute aktive Generation von Ingenieuren. Sie binden, im strengen Sinn, Nachfolger zweiten und dritten Grades. Die Systeme, die Joseph Bazalgette in London und William Lindley in Hamburg entworfen haben, tragen die Städte ihrer Urheber bis heute. Zugleich zwingen sie die Städte, mit den Entwurfsentscheidungen des späten neunzehnten Jahrhunderts zu leben, auch dort, wo sie längst unpassend geworden sind.

Daraus ergibt sich eine schlichte Einsicht, die in den Sitzungssälen selten ausgesprochen wird. Wer eine Leitung in den Boden bringt, trifft eine generationenübergreifende Entscheidung. Wer sie nicht in den Boden bringt, trifft sie ebenfalls. Es gibt in der Wasserfrage keinen Zustand der Enthaltung. Es gibt nur die sichtbare Entscheidung und die verschobene.

Die Asymmetrie zwischen stiller Erosion und plötzlichem Versagen

Die Verletzlichkeit der Wassernetze ist nicht linear. Sie akkumuliert sich über Jahrzehnte in nahezu unsichtbarer Form und entlädt sich in Zeiträumen, die sich in Wochen messen lassen. Eine Leitung aus den zwanziger Jahren, die in den siebziger Jahren hätte saniert werden sollen, hält oft noch. Sie hält auch in den achtziger und neunziger Jahren. Sie hält, bis mehrere Schwachstellen zur gleichen Zeit versagen und die Reparaturkapazitäten der kommunalen Versorger überfordert sind. In diesem Moment entsteht aus einer schleichenden Substanzverzehr eine akute Versorgungskrise.

Diese Asymmetrie hat in der Wahrnehmung der Entscheidungsträger eine perfide Wirkung. Solange das System funktioniert, liefert es keinerlei Anlass zur Priorisierung. Jede politische Ausgabe, jede Kapitalrunde, jede Investitionsrunde steht unter dem Druck, sichtbare Ergebnisse zu erzeugen. Wasserinfrastruktur Investitionszyklen erzeugen keine sichtbaren Ergebnisse. Sie erzeugen die Abwesenheit von Ereignissen. Die Kunst der Wasserpolitik besteht darin, Ausfälle zu verhindern, die ohne die entsprechende Investition eingetreten wären. Es ist eine Kunst des Negativen, und als solche wird sie politisch kaum belohnt.

In meinem Buch beschreibe ich dieses Muster als stille Erosion. Die Wasserordnung erodiert leise und versagt plötzlich. Kapstadt 2018, Chennai 2019, Monterrey 2022, Bogotá 2024 sind nicht Städte, deren hydrologische Situation sich über Nacht verschlechtert hätte. Es sind Städte, in denen zwei Jahrzehnte institutioneller Vernachlässigung in einem einzigen Moment sichtbar wurden. Der hydrologische Auslöser war der Anlass. Die eigentliche Krise war die Kumulation der Versäumnisse, die ihr vorausgingen.

Zahlen, die nicht verhandelbar sind

Die quantitative Lage der westlichen Wasserinfrastruktur ist, soweit sie sich erfassen lässt, in ihrem Gesamtbild unzweideutig. Die American Society of Civil Engineers vergibt in ihrer regelmäßigen Infrastrukturbewertung für die amerikanische Trinkwasserversorgung seit Jahren Noten im unteren Bereich der Skala. In Italien gehen je nach Region zwischen dreißig und fünfzig Prozent des in das Netz eingespeisten Trinkwassers auf dem Weg zum Endverbraucher verloren. Das bedeutet, dass bis zur Hälfte der Energie, die in die Aufbereitung und Förderung investiert wurde, vor der ersten Nutzung verschwindet.

In Deutschland enthalten die Wasser- und Abwassernetze teilweise Substanz aus den zwanziger, dreißiger und fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Ihre technische Lebensdauer ist überschritten, ihre Sanierung ist aus den laufenden Gebühren nicht ohne weiteres finanzierbar. Die kommunalen Verbände weisen seit Jahren darauf hin, ohne dass daraus eine politische Antwort entstünde, die der Größenordnung des Befundes angemessen wäre. In Frankreich liegt die Lage etwas günstiger, aber auch dort sind die Reinvestitionsbedarfe in den nächsten beiden Jahrzehnten erheblich.

Diese Zahlen sind keine Ausdrücke individueller Fahrlässigkeit. Sie sind Ausdrücke einer strukturellen Asymmetrie zwischen politischen und technischen Zeitordnungen. Die Kosten der Nicht-Investition fallen in die Zukunft. Die Kosten der Investition fallen in die Gegenwart. Eine politische Kultur, die auf Vierjahreszyklen und sichtbare Legitimation angewiesen ist, wird ohne institutionelle Korrektur die Verschiebung wählen, auch wenn die Verschiebung langfristig teurer ist. Genau das ist geschehen, und genau das geschieht weiter.

Was langzyklische Governance bedeutet

Die Antwort auf diese Asymmetrie ist keine kommunikative, sondern eine institutionelle. Wasserinfrastruktur Investitionszyklen verlangen eine Governance, die ihrer Eigenzeit gewachsen ist. Sie verlangen Aufsichtsräte kommunaler Versorger, in denen die Substanzerhaltung der Netze nicht eine Position unter vielen ist, sondern die Kategorie, an der sich Erfolg bemisst. Sie verlangen eine Tarif- und Gebührenordnung, die Reinvestition nicht als Belastung, sondern als normale Betriebsvoraussetzung behandelt. Sie verlangen vor allem eine Trennung zwischen politischer Zyklik und infrastruktureller Zyklik.

In der Sprache der klassischen Staatslehre bedeutet dies eine Reform der Treuhandschaft. Wer ein Wassernetz verwaltet, verwaltet kein Gut der gegenwärtigen Wählerschaft. Er verwaltet ein Gut, das von früheren Generationen übernommen wurde und an spätere weitergegeben werden muss. Die juristische Figur, die dieser Konstellation am nächsten kommt, ist die der Stiftung. Ich schlage in DIE RESSOURCE vor, über Elemente einer stiftungsartigen Verfassung kommunaler Wasserversorger ernsthaft nachzudenken. Nicht, um die demokratische Kontrolle zu schwächen, sondern um sie der Zeitstruktur des Gegenstandes anzupassen.

Konkret bedeutet dies drei Dinge. Erstens eine verbindliche Substanzberichtspflicht, die den Zustand der Netze über Jahrzehnte transparent macht und die Verschiebung von Reinvestitionen sichtbar kennzeichnet. Zweitens eine Langzyklenplanung, die über Legislaturperioden hinweg bindend ist und nicht mit jedem Wechsel der politischen Konstellation revidiert werden kann. Drittens eine Kapitalarchitektur, die langfristige Fremd- und Eigenmittel mobilisiert, die den Zyklen der Infrastruktur selbst entsprechen, nicht den Zyklen der Finanzmärkte.

Die Rolle von Aufsicht und Kapital

Die Verantwortung für diesen Umbau liegt nicht allein bei der Politik. Sie liegt auch bei den Aufsichtsräten der kommunalen Versorger, bei den Rechnungshöfen, bei den Ratingagenturen, die Kommunen bewerten, und bei den institutionellen Kapitalgebern, die diese Kommunen finanzieren. Jede dieser Institutionen verfügt über die Möglichkeit, das Thema Substanzerhaltung in den Vordergrund ihrer Prüfungs- und Entscheidungsroutinen zu rücken. Keine von ihnen tut es in der Regelmäßigkeit und Schärfe, die dem Gegenstand entspricht.

Die Kapitalseite hat an dieser Stelle ein doppeltes Interesse. Einerseits sind die Anleihen kommunaler Versorger ein klassischer Baustein langfristiger Portfolios, insbesondere für Pensionskassen, Versicherer und Staatsfonds. Andererseits ist die Bonität dieser Emittenten eng an den Zustand ihrer Infrastruktur gekoppelt, auch wenn diese Kopplung in den gegenwärtigen Bewertungen nur unvollständig abgebildet wird. Ein Versorger, der über zwei Jahrzehnte Reinvestitionen verschoben hat, ist kein sicheres Investment. Er ist ein verschobenes Risiko. Seine Bewertung sollte dies widerspiegeln.

An dieser Stelle liegt eine der interessantesten Chancen der kommenden Jahre. Wenn die Kapitalmärkte beginnen, die Substanzerhaltung der Wassernetze ernsthaft zu bepreisen, entsteht ein Rückwirkungsmechanismus, der die politische Zurückhaltung überwinden kann. Ratings, die den Reinvestitionsrückstand sichtbar machen, Kreditkonditionen, die ihn einpreisen, Prüfberichte, die ihn offenlegen, sind Instrumente, die politische Zyklik durch ökonomische Konsequenz ergänzen. In einer Ordnung, in der Politik auf kurze Zeit und Kapital auf lange Zeit schaut, kann die lange Zeit nur durch das Kapital zurückgeholt werden.

Die Wasserinfrastruktur der westlichen Welt ist das stille Vermächtnis des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts. Sie hat Epidemien beendet, Lebenserwartungen verlängert, industrielle Ballungsräume überhaupt erst ermöglicht. Sie ist zugleich das am konsequentesten unterbewertete Vermögen unserer Gesellschaften. Ihre Eigenzeit verlangt eine Aufmerksamkeit, die unsere institutionellen Routinen nicht hergeben, solange wir sie nicht bewusst umstellen. Wer die kommenden Jahrzehnte ernst nimmt, wird nicht um die Einsicht herumkommen, dass Wasserinfrastruktur Investitionszyklen eine eigene Kategorie politischer und ökonomischer Verantwortung darstellen, eine Kategorie, die sich weder in Legislaturperioden noch in Quartalsberichten abbilden lässt. Sie verlangt, wie ich es in meinem Buch formuliere, eine Rückkehr zu einer Haltung, die ich bei meinem Vater zum ersten Mal gesehen habe, bevor ich das Wort dafür hatte: eine ruhige, unspektakuläre Verantwortlichkeit gegenüber dem, was einem anvertraut wurde. Das Tragen einer Sache ist ihr Wert, nicht das Reden darüber. Wer als Aufsichtsrat, als Vorstand, als Kapitalgeber, als Mitglied eines kommunalen Gremiums heute Entscheidungen über Wassernetze trifft, steht in dieser Tradition, ob er es weiß oder nicht. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) plädiert in DIE RESSOURCE dafür, sie wieder bewusst zu betreten. Die Netze werden es honorieren. Die Gesellschaften, die auf ihnen ruhen, auch. Und die Generationen, die uns folgen, werden zumindest nicht sagen müssen, sie hätten das Erbe in schlechterem Zustand übernommen als wir.

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Author: Dr. Raphael Nagel (LL.M.). Biografie